Retrospektive: Der Stinker

Ich war vor vielen Jahren einmal auf dem Weg zu einer Prüfung. Natürlich hatte ich am Abend zuvor gesoffen und bin viel zu spät aufgestanden. Als ich die Roseggerstraße überquere, steht da der Bus. Mein Bus. An meiner Haltestelle. Der M 41. Keine Ahnung, ob der damals schon so hieß, aber den muss ich kriegen, sonst komme ich zu spät zur Prüfung, weil der Bus hatte Anschluss zur S-Bahn und damals konnte man sich noch auf die Berliner S-Bahn verlassen, die war pünktlich. Das glaubt man heute nicht mehr, aber es war so.

Ich renne also. Renne. Gestikuliere. Die Prüfung, die verfickte, im Nacken. Der Busfahrer sieht mich und in einem Moment der Schwäche macht er mir nicht vor der Nase die Tür zu, sondern lässt mich noch mitfahren. Im Augenwinkel sehe ich die Säufer vor der Kneipe zum Tönnchen, wo sie seit gestern abend durchsaufen, feixen. Die haben ein Leben, die Wichser. Eine Mutter sieht mich angeekelt an, ein Typ mit Koffer in der Hand wendet sich ab. Irgendwas müffelt. Wahrscheinlich wieder ein Penner, der sich eingeschissen hat. Nur Assis unterwegs wieder. Meine stinkende Stadt.

Als ich am Bahnhof Sonnenallee in die S-Bahn steige, bietet sich mir das gleiche Bild. Man sieht mich an wie ein Penner, der sich vollgekotzt hat und wendet sich ab. Es stinkt wirklich sehr hier. Berlin stinkt immer. Irgendwo gibt es immer einen Stinker. Die Stadt stinkt aus jeder Ritze, aus jeder Kimme, aus jedem Loch. Warum kucken die so? Glauben die, das ich das bin? Ich bin das nicht.

Um sicher zu gehen, schaue ich an mir runter. Ich habe eine weiße Hose an. Sie ist jetzt nicht mehr weiß. Mein rechter Schuh ist komplett braun. Der war vorher so weiß wie der andere es immer noch ist. Es ist Dünnes. Extrem Dünnes. Sehen wir der Wahrheit ins Gesicht: Dünnschiss am Schuh. Bis kurz unter das Knie. Ich bin das. Ich stinke wie eine Sau im Suhleloch. Kloake. Reinform. Es muss ein irrer Haufen Dünnschiss gewesen sein, dass der so weit nach oben spritzt. Beim Rennen. Pflatsch! Vor Adrenalin nicht gehört. Nicht bemerkt. Deswegen haben die Säufer gefeixt, deswegen hat die Mutter mich angeschaut wie ein dickes Insekt, das beim Platzen mit gelbem Sirup die Windschutzscheibe beschmutzt und deswegen stinkt es überall wo ich bin so erbärmlich. Ich bin erbärmlich. Ich stinke.

Am S-Bahnhof Neukölln bin ich aus der S-Bahn gestürmt und über Saale- und Niemetzstraße nach Hause geschlichen.

Die Schuhe waren totgeschissen, die Hose auch und die Prüfung sowieso.

 

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