Kein Arschloch bei Netto

Ich war letztens bei Netto einkaufen. Und habe was vermisst.

Die Arschlöcher. 

Ja, die Arschlöcher, die typischen Netto-Kunden, wegen denen ich so ungerne zu Netto gehe, jene, die einem mit dem Einkaufwagen in die Hacken fahren und dann, wenn man sich umdreht, um die Entschuldigung entgegen zu nehmen, so böse kucken als hätte man gerade mit der Salatgurke durch die Gitterstäbe die Cremetorte in ihrem Einkaufswagen penetriert.

Typische Netto-Kunden sind auch die Gängeblockierer, die Kühlregalzusteller und nicht zu vergessen die Einkaufsschlangen-Vordrängler, die Milliarden von senilen Großmütterchen, die immer vor mir stehen, den Inhalt ihrer Geldbörse auf den Scanner schütten und dann erstmal umständlich Inventur machen, oder jene sozial Verkrüppelten, die direkt vom Eingang zur Kasse marschieren, sich lautstark zwischen mich und die Kassenkraft drängeln und versuchen, einen auf der Straße gefundenen Leergutcoupon von Lidl hier einzulösen, nicht zu vergessen die Patienten mit Monatseinkauf, die nie jemanden, auch keinen der nur ein lausiges Produkt in der Hand hat, vorlassen, denen aber kurz vor dem Bezahlen einfällt, dass sie einen verkackten Sellerie vergessen haben, daraufhin zum Gemüseregal schlendern, dort den Sellerie aber nicht finden und die Kassenkraft holen müssen, mit der sie dann gemeinsam im Gemüseregal sinn-, hirn- und geistlos herumfahnden, um dann festzustellen, dass es gar keinen Sellerie gibt, wonach sich eine lebhafte Diskussion zwischen verschiedenen Kassenkräften entwickelt („gestern hatten wir noch welche“, „im Lager, im Lager, waren da nicht noch welche im Lager?“), die alle anderen Kassenschlangen lahmlegt und alle mit stoischem Gleichmut darauf hoffen, dass der Sellerie-Arsch endlich seinen Verzicht auf Sellerie erklärt, damit sich die Erde weiterdrehen kann. 

Uff.

Und dann gibt es noch die Umtauscher, die sich prinzipiell mal gar nicht anstellen, sondern von vorne schräg in die Kassenschlange blutgrätschen, um dann entnervende zehn Minuten lang zu versuchen, die vor Wochen gekauften und bereits durchgelaufenen keimigen Badeschlappen mit Blümchen an den Zehentrennern für 5,33 € umzutauschen, die die Kassenkraft aber nicht zurücknehmen will, wonach man die Vorgesetzte rufen muss, die das genauso sieht und den renitent gewordenen Umtauscher erst quälende Minuten später mit Mühe und Hausverbotsdrohungen aus dem Laden bugsieren kann.

Nix is.

Keine Arschlöcher hier.

Was ist hier los? Wo sind die Arschlöcher? Haben die den Netto hier in der Pappelallee nur noch nicht entdeckt oder sitzen die bereits mit Sternburgbier und Goldfieldkippen an einem Schlachtplan in einem schummrigen Keller drüben in der Greifswalder Straße, um auch diesen Netto zuerst handstreichartig zu übernehmen und dann in ein Arschlochparadies zu verwandeln, so wie sie es mit jedem Netto machen? Was ist hier los? Warum gefällt es mir hier fast (fast!)?

Ich vermute, es sind die Gänge. Man hat sie hier nicht so zugestellt bis in den letzten Winkel wie sonst, sondern es ist verhältnismäßig viel Platz. Nicht eng. Das nimmt Aggression, das entspannt, das lockert auf. 

Nur bleiben kann das so nicht. Ich will Netto. Ich will Dschungel. Ich will Darwin. Es tut mir nicht gut, wenn die Dinge nicht berechenbar sind, wenn sie sich anders verhalten als man es kennt. Ein angenehmer Netto. Was kommt als nächstes? Ein Radfahrer, der bei Rot hält? Rentner, die nicht drängeln? Oder der Gipfel: Ein Bioladen macht zu statt auf?Nee, so kann das nicht bleiben. Ich komme nächstes Jahr wieder und prüfe, ob es bergab geht. Es muss ja bergab gehen. Es wird auch bergab gehen. Denn hier ist Netto. Das halten die nicht lang durch.

 


 

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