Das arme Stralau und sein trauriger Bäcker

In den 90ern war es Mode, im Namen eines Geschäfts möglichst die Zahl 2000 unterzubringen. Das versprach Innovation, Zeitgeist, Zukunft. Freshness. Und was gab es da nicht alles: Friseur 2000, Blume 2000, Getränke 2000, Sexyland 2000, natürlich Curry 2000 und bestimmt gab es auch irgendwo in einer Plattenbauschlucht Mandys Erotikmassagen 2000. Nur echt mit roter Strähne im platinblonden Haar.

Nach dem Millennium-Hype hat sich das deutlich abgeschwächt und heute anno 2013 steht diese Zahl nur noch für Rückwärtsgewandtheit, Beharrungsvermögen und Staub. Wer heute noch 2000 im Namen trägt, ist quasi ein fleischgewordenes Altherrengedeck, so sexy wie die Reste eines Ingwer-Karottenkuchens im sommerlichen Mauerpark, der unter den Bastschuhen einer Biomutter klebt, oder Omas im Rollator vergessene fleckig-fleischfarbene Strumpfhose.

Eine Bäckerei auf der inzwischen nicht mehr ganz so schönen Halbinsel Stralau heißt immer noch so. Was soll ich sagen? Das für sich gesehen drückt viel aus und ruft von weitem nonverbal: „Geh weg! Ich bin nicht gut! Und du weißt es!“

Wobei sich die Bäckerei eigentlich gar nicht Bäckerei nennen dürfte, sondern eher Aufbäckerei oder Warmmacherei. Denn wie mittlerweile fast überall in Berlin werden auch hier die allgegenwärtigen Industrieteiglinge feilgeboten – hier auf Stralau allerdings mehr schlecht als … haha … gut aus ihrem Roh- in einen verzehrfertigen Zustand gebracht. Oft verbrennt mal was oder ist innen nicht ganz durch.

Mit Backen als Handwerk hat das natürlich überhaupt nichts zu tun, da darf man sich keine Illusionen machen. Wie könnte man eine solche Ausbildung nennen, bräuchte es dafür eine? Ofentemperierer? Backwarenzeitmesser?

Ganz schlimm: Das backsteinartige Pizzading, das es tatsächlich schafft, auf der einen Seite dunkelkross-keksig rüberzukommen und auf der anderen fettgetränkt-labberig. Der süßliche Teig – zumeist aufgrund des Fetts schon olivfarben glänzend – korrespondiert dabei unangenehm mit der minderwertigen und unter einem merkwürdigen Film vor sich hin schmierenden Salami und dem sparsamen Restbelag an halbherzigen Tomaten und Käsesprenkeln. Geschmacklich ist das Gesamtwerk damit auch unabhängig von der unterirdischen Konsistenz völlig unbrauchbar.

Noch schlimmer: Das Schinken-Käse-Croissant. Der Fabrikant dieser Chemiewaffe scheint zwischenzeitlich seine Zutaten umgestellt zu haben, denn war da früher echter Käse drin, der im warm gehaltenen Croissant sanft nach Gouda duftend anschmolz, so haben wir heute im Kalten verflüssigtes ekelhaft chemisch schmeckendes Käseirgendwas in einem trockenen Croissant. Das geht nicht auf natürliche Weise und schmeckt auch so. Fürchterlich.

Was man hier mitnehmen kann, ist höchstens die Bockwurst, denn wer beim Warmhalten von gepressten Fleischresten in diesen fragwürdigen Warmhaltespiraldingern irgendetwas falsch macht, der steht besser morgens gar nicht erst auf und erspart der Welt damit Schlimmeres.

Ein Desaster. Und dabei ist er noch nicht einmal billig, dieser Aufbäcker, sondern nutzt die Spielräume seines Monopols. Angebot. Nachfrage. Preis und so. Je mehr Monopol desto übler die Ware bei höherem Preis. Marktwirtschaft. Die S-Bahn macht es vor.

Doch ich glaube, das ändert sich gerade, denn seit die Bauarbeiter – das bisherige Stammklientel – damit fertig sind, die Halbinsel Stralau in eine rechtwinklige Townhouse-Betonwüste mit dem Flair eines Krankenhausflurs zu verwandeln, hat diese Aufbackstation kaum noch Kundschaft. Klar: An den betuchten Halbinselbewohnern backt der Aufbäcker gnadenlos vorbei wie der Pizzamann nebenan mit der schlechtesten Pizza der Hauptstadt völlig an ihnen vorbei Pizza backt. Es ist somit zwangsläufig, dass beim Aufbäcker 2000 bald die Lichter ausgehen. Game over. Da hilft auch kein anbiederndes trauriges Deutschland-Fähnchen aus WM-Restbeständen an der Tür mehr.

Die verlassene Ladenfläche mietet dann ein Biobäcker und wird reich.


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