Uckermark: Natur Therme Templin

Urlaub. Uckermark. Brandenburg. Was macht man hier mit Kind? Wandern? Geht nicht. Der Zwerg wirft sich nach einem halben Kilometer auf den Boden und verweigert jeden weiteren Schritt, wonach er zurück zum Auto getragen werden muss und einschläft.

Ein Museum vielleicht? Ja, sicher. Am besten eines von diesen zahllosen Heimatmuseen in irgendwelchen Heuschobern und ausrangierten Geräteschuppen, bei denen mir die Füße einschlafen und der Kalk aus dem Ohr rieselt. So richtig schön piefig mit einer alten Heugabel vom 1. Weltkrieg. Und ein paar klobigen Steinen, über die der alte Fritz mal anlässlich der Inspektion seiner Ländereien drübergeritten ist – direkt neben dem Unterrock von Herzogin Elisabeth, den sie hier beim Übernachten in diesem gottvergessenen Landstrich vergessen hat. Ein Museum. Ja. Unbedingt. Mit Kind. Nach einer Minute wird es durch das Museum schallen: „Papa. Hunger!“. Nach zwei Minuten: „Papaaaaaaaaaa! Hungeeeeeeeeeer!“. Nach drei Minuten und einem ohrenbetäubenden „Wääääääääääääääh!“ bleibt nur eines: Eisdiele. Die es hier nicht gibt, weil wir in Brandenburg sind. Hier ist nur Lidl, was bedeutet: Gelatelli Chemietüte Erdbeer-Vanille, von deren sechs Tüten fünf später im Auto schmilzen und durch die Polster suppen.

Was gibt es noch hier? Darf es eventuell ein Biosphären-Naturlehrpfad sein? Au ja, der Zwerg und ich haben total viel Bock auf bornierte Öko-Belehrung – gefördert vom Bundesumweltministerium und natürlich der EU, auf deren edlen Holzschildern uns ein NABU-Mondgesicht mit Bart und Brille das Wesen der Borkenkäfer und deren wichtige Rolle im Ökosystem nahebringt. Super. Wir wohnen ja nur in Prenzlauer Berg und werden jeden Tag von wandelnden guten Gewissen auf zwei Beinen mit allen Formen und Ausprägungen von Öko beschallt, bezirzt und bekehrt, bis uns das Tofu unverdaut aus der Kimme quillt. Nein, wir brauchen Urlaub davon und im Wedding waren wir schon so oft dieses Jahr.

Vielleicht schwimmen gehen? Doch. Ja. Schwimmen geht immer.

Es gibt nur eine Therme hier. Natürlich eine Therme. Welliges Fleisch in Salz und Chlor eingelegt. Fleisch, das es komischerweise stundenlang im Wasser aushält ohne zum Klo gehen zu müssen. Harn, Harn der heilige Harn. Soll ja gut für die Haut sein.

Doch ganz so schlimm ist es gar nicht mal. Es sind zwar tatsächlich nur Gewinnerinnen des Mutterkreuzes 1936 (die Olympiaeuphorie – noch ein Kind mehr für den Führer) anwesend, aber wenigstens keine Nazis. Außerdem gibt es ganz hinten in der Ecke ein Kinderbecken. Mit einem wasserspritzenden Pilz, einer Rutsche und einem Wasserball. Dort ist keine Sau. Nur ich mit Kind. Klar, in Brandenburg gibt es ja kaum noch Kinder, weil alle jungen Frauen, die was auf sich halten, vor dieser Idylle aus Landser, Ford Fiesta mit Bassrolle, Tankstelle, NPD und Weinbrand-Cola schon längst das Weite gesucht haben. Zurück bleiben junge orientierungslose Männer, die ihren Namen zwar nicht richtig schreiben aber dafür umso besser rülpsen können und die vor Langeweile sogar nach Berlin zum Fidschiklatschen fahren müssen, weil es bei ihnen keine mehr gibt.

Und die Alten. Die bleiben auch. Wo sollen die auch hin? Auch nach Stuttgart wie ihre Töchter? Warum? Eine Therme zum Abhängen, Jahreskarte-Abfeiern und ins Becken pullern gibt es auch hier, dafür muss man nicht nach Stuttgart.

Naja, und die Touristen halt. Die sind auch da. Also ich. Und das Kind. Außerhalb der Saison. Vereinsamt im Kinderbecken. Plansch Plansch, macht das Spaß. Wo ist die Totenglocke? Ich will läuten.

Nein, doch, bitte, ernsthaft, die Therme ist ein Highlight in der Uckermark. Ich meine das ernst. Nagelneue Straßen, gepflegte Parkanlagen, Technik vom Feinsten, alles neu, sauber, einfalls- und abwechslungsreich, sogar das Essen ist gut. Ein gut angelegter Soli. Eat this, Gelsenkirchen. Advantage, Uckermark. Advantage, Templin.


NaturThermeTemplin
Dargersdorfer Straße 121
17268 Templin


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