Das Phantom von Irrenhausen

Neulich in Irrenhausen um zwei Uhr nachts:

(klingel)

„Grmpf … Grummel … schnarch …“

(klingel)

„What the fuck … “

(klingel)

„So, jetzt reicht’s, jetzt hau ich dem Penner auf’s Maul. Wer klingelt? Was will der? Der weckt das Kind.“

Dort steht eine fette Frau in vergammelten Leggins. Offensichtlich betrunken. Verfickte Scheiße, eine Frau, die darf ich nicht umhauen, auch wenn sie mich um zwei Uhr kackdreist aus dem Bett klingelt.

Es entspinnt sich ein bizarrer Dialog zwischen einem rasenden Ex-Schlafenden auf sinnlos gewordenem Adrenalin, der sich sichtlich mühsam beherrscht und einer völlig besoffenen Frau, die Unsinn redet.

„Haben Sie gerade geklingelt?“

„Nein, der Mann war’s.“

„Welcher Mann? Ich seh‘ hier keinen.“

„Der ist gerade weggerannt. Nach da hinten.“

„Da hinten ist keiner.“

„Der ist schon weg.“

„So schnell kann der nicht sein, es hat doch gerade erst geklingelt. Zum vierten Mal.“

„Doch. Der war total aggressiv.“

„Schade, das hätte gut gepasst, ich bin auch total aggressiv und habe eine unbändige Lust auf Schädelspalten und Halsumdrehen. Ich muss in drei Stunden raus und eine Arschgeburt klingelt mich aus dem Bett.“

„Ja, schlimm. Der hat überall geklingelt und ist weggerannt. Aber gut, dass die Tür auf ist, dann kann ich jetzt hoch.“

„Wo wollen Sie denn hin?“

„Hoch.“

„Hoch. In unseren Aufgang. Warum?“

„Ich muss jemanden besuchen.“

„Wen denn?“

„Christian.“

„Hier wohnt kein Christian.“

„Christoph.“

Scheiße, ein Christoph wohnt hier. Das ist der örtliche Ökofaschist, der seine Nachbarn mit blumenverzierten Verhaltenszetteln erziehen will und auf Homöopathie, Yoga und Sri Chimnoy abfährt. Aber was will die Eule von dem um diese Uhrzeit – rotzbesoffen und nach Wilthener Goldkrone stinkend? Was hat der unsympathische Asket mit dieser ungesunden Fuseltante zu tun? Ist das seine stets verleugnete Tochter? Oder führt der ein Doppelleben mit Fleisch, Haribo, Alkohol und vielleicht sogar … Sex?

Ach fuck, die verarscht mich doch. Sie hat geklingelt, sie war’s, wir wissen das doch beide, natürlich hat sie geklingelt, weil sie hier im Vollsuff rumsteht, sich langweilt und sinnlose Aktivität entwickelt. Und weil plötzlich ein Berserker im Blutrausch vor ihr steht, der bereit ist zu töten und sie fixiert wie Jack Nicholson auf Koks, erfindet sie ein Phantom. Und dazu einen Christoph, den es eigentlich gar nicht geben kann, aber den es zufällig doch gibt.

Gibt’s doch gar nicht.

„Ich geh‘ wieder pennen. Lassen Sie die Finger von der Bimmel und danken Sie dem allmächtigen Schöpfer, dass Sie keinen Penis zwischen den Beinen haben, sonst wäre der vielleicht jetzt schon nicht mehr da.“

„Schlafen Sie gut.“

„Fall tot um.“

Gnade ihr sonstwer, wenn es noch einmal hier klingelt. Irgendwo muss noch das alte Schinkenmesser von der letzten Serranokeule rumliegen. Dazu ein bisschen Rote-Beete-Saft vom Kind ins Gesicht geschmiert, die irre Jack-Nicholson-Koksvisage aufgesetzt und fertig ist ihr lebender Albtraum. Warte, warte nur ein Weilchen.

 

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