Blut muss fließen

Willkommen in Berlin-Buch.

Gestern abend. Die örtliche Antifa hat geladen. Zur Vorführung des Films Blut muss fließen. Das ist ein Film, der tief eintaucht in die Nazirock-Szene – mit verstörenden Bildern übler Gestalten und dem, was sie aus ihrem Schandmaul in die Welt rülpsen.

Berlin-Buch. Nazis ziehen jetzt hier hin, sagt die Antifa. Irgendein NPD-Sprallo sammelt Gleichgesinnte und ködert Jugendliche aus den Silos. Man baut Strukturen auf – noch nicht ganz so nachhaltig wie in ostdeutschen Flächenländern, aber die Anfänge werden gerade gemacht. Soweit zu der Gegend, in der man diesen Film zeigt.

Der Veranstaltung hängt derweil die Pest am Hacken. Technisch jagt eine Katastrophe die vorige. Dass akribische Vorbereitung für jede Veranstaltung essenziell ist und was passiert, wenn man als Punk einfach so drauflos veranstaltet, wird hier schmerzhaft deutlich. Plötzlich, unerwartet und mitten im Film ist beim Laptop, an dem der Beamer hängt, der Akku leer. Dann muss man umständlich das Ladekabel suchen, dessen Notwendigkeit für so einen Fall niemand auf dem Schirm hatte. Später geht gleich der ganze Laptop in die Knie, denn der Arbeitsspeicher ist voll und kann die DVD nicht mehr verarbeiten. Mit 150 Zuschauern hat auch keiner gerechnet, so dass Stühle fehlen und Platz sowieso Mangelware ist. Ein organisatorisches Desaster. Kompletter Untergang. Wer aus diesen Schmerzen nichts lernt, der lernt gar nichts mehr.

Aber egal. Natürlich ist der Film wichtig, auch mit seinen zahlreichen Unterbrechungen an diesem Abend, man sollte ihn gesehen haben, auch wenn er ein ziemlich eitles Machwerk ist, in dem es oft, zu oft, um die Person des Filmenden und sein Anrennen gegen die Windräder aus dem bundesdeutschen Politikbetrieb geht. Dennoch, man muss den Hut ziehen, dass er da rein gegangen ist. Alleine. Zu den wilden Tieren. Zu den irren wilden Tieren. Zu den Nazis.

Der Film wird von keinem Sender ausgestrahlt, was mehrmals vorwurfsvoll thematisiert wird. Ich ahne, woran das liegt, denn der Film zeigt nur eines: Da hat einer den Mut und geht ohne Netz und doppelten Boden in einen Löwenkäfig, indem er sich selber als Löwe ausgibt. Hätte man ihn und seine versteckte Kamera enttarnt, hätte er es vielleicht nicht oder nur schwer beschädigt überlebt.

Doch das war es dann. Einer geht rein und zeigt Rassisten unter sich. Das ist mutig, zweifellos, ich ziehe den Hut, aber der Film lässt mir zu viele Fragen offen, um wirklich gut zu sein: Wie sehen die Strukturen aus? Wie finanzieren sie sich? Wo sind die Querverbindungen zur NPD? Wer steckt hinter dem ganzen? Wie läuft so ein Konzert genau ab? Wird agitiert? Werden Zettel verteilt? Oder treffen sich wirklich nur ein paar Rassisten und tun das, was Rassisten eben so machen, wenn sie unter sich sind?

Natürlich dürfen auch die üblichen Antifaschisten nicht fehlen, die diese Zustände in zahlreichen Interviews vor den üblichen Bücherregalwänden ausufernd anprangern. Bitte, die kennen wir doch inzwischen alle. 23.30 Uhr auf Phoenix. Wenn es gut läuft, auf Arte. Geht es nicht mal ohne?

Ja, darin besteht für mich die größte Schwäche des Films: Er legt nur frei, was ist und prangert es an. Fette Glatzen zeigen den Hitlergruß? Sie rufen Sieg Heil? Die Texte der Bands sind offen rassistisch? Und das Zeug spielen sie ganz ohne Scham auf der Bühne? Really? Überrascht mich jetzt nicht wirklich, dass Nazis sich tatsächlich verhalten wie Nazis.

So bleibt leider nur wenig mehr als ein voyeuristischer Blick auf eine abseitige stinkende Ecke der Gesellschaft, von der jeder, der im Osten Berlins oder in Brandenburg auf eine öffentliche Schule gegangen ist, weiß, dass es sie gibt und was man da so treibt. Da hat jemand unter Einsatz seines Lebens wilde Tiere gefilmt. Nur nicht in der Serengeti beim Zebrafressen, sondern in Finowfurt beim Glatzenpogo. That’s it.

Das, was ich mir von einem solchen Film erwarte und in welcher Hinsicht er mehr hätte sein können als ein schockierender Augenöffner für Menschen, die nicht wissen, dass es böse Menschen auf der Welt gibt, blitzt nur kurz auf: In irgendeiner Nazidisco in irgendeinem sächsischen Nest taucht ein NPD-Landtagsabgeordneter auf und netzwerkt. Hier wird sichtbar, was aus dem Film hätte werden können und warum er doch geblieben ist, was er ist: Ein Dokument des unglaublichen Mutes seines Erschaffers und ein Blick in einen menschlichen Abgrund.

Diese fehlende Tiefe und der ein wenig zu aufdringlich auf den Protagonisten zugeschnittene Plot mag der Grund sein, warum man den Film nicht im Fernsehen zeigt, denn mangelnden Willen, über Nazis und deren Machenschaften auzuklären, kann man den Öffentlich-Rechtlichen Anstalten nun wirklich nicht vorwerfen. Doch das tut der Film, wenn auch unterschwellig.

So tut es mir fast leid, dass ich nicht ganz überzeugt bin, auch nicht von der Veranstaltung an sich, selbst wenn man über die technische Stümperei hinweg sieht. Denn zwischendurch wird mir sehr deutlich vor Augen geführt, was mich an der organisierten Antifa immer gestört hat: Die Hysterie und der Eifer.

Was ist passiert?

Im Raum sitzen 150 Zuschauer, davon locker 40 Punks. Und draußen stehen eine Handvoll Kindernazis, kucken blöd in die Gegend und halten Maulaffen feil. 7 sind das. Maximal 8. Und der Veranstalter agitiert sofort in aufgeregtem Tonfall in die Runde, dass man sich von den Nazis nicht unter Druck setzen lassen werde. Und ruft dann die Polizei, die sich mit ganzen zwei Wannen vor das Gebäude stellt, wonach die Kindernazis weggehen und mir später wieder auf dem Weg zur S-Bahn begegnen – saufend und gröhlend vor einem 1-Euro-Shop.

Antifa, also bitte, ehrlich mal. Kirche. Dorf. Und so. Ist es der Sache dienlich, wegen ein paar versprenger Kinderfaschos gleich vollmundig den großen Naziterror auszurufen, fast als wenn man genau darauf gewartet hat? Wirklich, muss das denn? In den 90ern (nein, ich will nicht „zu meiner Zeit“ sagen) wären wir da rausgegangen, hätten die Deppen nackt ausgezogen und vom Hof gejagt. Warum so zahm, Jugend? Warum diese Opferhaltung? 8 gegen 150. Und ihr ruft die Polizei? Why?

Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Ich will das so nicht pauschal stehen lassen. Ich finde es gut und richtig und toll und lobenswert und überhaupt ganz hervorragend, wenn sich Jugendliche gegen Nazis engagieren. Natürlich, denn ich habe das lange genug selber gemacht. Mit Furor. Es braucht Menschen, die was tun, und es sind nie genug.Die Initiative „Niemand ist vergessen“ in Berlin-Buch macht eine großartige Arbeit und sie macht das vor Ort, unter schwierigen Bedingungen in den Plattenbauschluchten, in denen die NPD versucht, Fuß zu fassen und an die Jugendlichen ran will. Meine Hochachtung dafür. Und meine Unterstützung.

Sie wollen einen Gedenkstein für Dieter Eich stiften, ein Sozialhilfeempfänger, der im Jahr 2000 starb, weil ein paar Nazis Bock darauf hatten, „Assis zu klatschen“.

Man kann und sollte dafür spenden, dass das realisiert wird:

Berliner VVN-BdA e.V
Postbank Berlin
BLZ: 100 100 10,
Konto: 315 904 105
Verwendungszweck Dieter Eich Gedenkstein
Und der Film, den man durchaus gesehen haben sollte, um sich wieder vor Augen zu führen, was für ein Geschwür unter der Oberfläche dieses Landes vor sich hin krebst, ist heute abend in Hellersdorf zu Gast. Passt ja.

18:00 Uhr, Alice Salomon Hochschule, Alice-Salomon-Platz 5, U-Bahnhof Hellersdorf, Tel.: 0049 (0) 30 – 992 45 – 0


 

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