Mit einem Flutschfinger gegen die Gewalt

Was macht eine Stadt, die pleite ist und auf ihren U-Bahnhöfen einen Großteil der guten alten Aufsichten abgeschafft hat? Sie setzt darauf, dass der Bürger sich selbst hilft und druckt ein Plakat, auf dem einer, der so aussieht als würde er bei erster Gelegenheit die Beine in die Hand nehmen, selbstsicher seinen Zeigefinger als das Mittel gegen Gewalt im öffentlichen Raum in die Linse hält.

Super, BVG, man hält sich als Hausherr also inzwischen komplett raus und wartet in einem Kabuff in der Leitstelle am Alexanderplatz oder in einem anderen Bunker darauf, dass einer irgendwo auf den Notruf drückt. Wenn er das noch schafft.

Und dann schickt man jemanden auf den Weg dorthin. Irgendwann. Eine Polizeistreife. Wenn die Zeit hat. Oder auch nicht.

Auf dem U-Bahnhof Schönhauser Allee habe ich vor vielen Jahren, als der Prenzlauer Berg noch als gefährlich galt (haha, seriously), Ärger mit Glatzen bekommen. Vier davon. Glatzen gab es hier damals noch. Und wer keine Bomberjacke trug, war sehr schnell Ziel.

Es dauerte keine Minute, dann stand die Aufsicht da, ein dicker Kerl aus Ostzeiten. Rotgesichtig. Entschlossen. Und mit einer Holzlatte in der Hand. Der hat mir den Arsch gerettet.

Heute undenkbar. Jetzt gibt es niemanden mehr auf dem U-Bahnhof Schönhauser Allee (und auf zu vielen anderen U-Bahnhöfen auch nicht), der irgendwem den Arsch retten könnte. Vor allem nachts nicht, wenn es am nötigsten wäre.

Die Politik kennt kein Maß. Auf der einen Seite spioniert sie im Namen der Sicherheit gemeinsam mit den amerikanischen Freunden die eigenen Bürger flächendeckend aus, auf der anderen Seite überlässt man die U-Bahnhöfe zum großen Teil sich selbst und überlässt es dem Bürger, an einem Ort für Sicherheit zu sorgen, an dem ihm das Fehlen dieser Sicherheit am empfindlichsten trifft.

Da stimmt doch was nicht. Würde es um Sicherheit gehen, dann würde man einen Bruchteil der Kosten für die Totalüberwachung des Internets in das subjektive Sicherheitsgefühl an tendenziell unsicheren Orten ausgeben. Tut man aber nicht.

Lieber baut die BVG seit Jahren die physische Präsenz vor Ort ab und setzt auf die technische Überwachung während die S-Bahn mit ihren aus Rentnern und Billiglöhnern rekrutierten „schwarzen Sherrifs“, die nicht mal kleinen Kindern Angst einjagen können, wenigstens so tut als wäre ihr die Sicherheit ihrer Fahrgäste wichtig. Auch wenn es wahrscheinlich nur die Haftpflichtversicherung ist, die eine solche Präsenz fordert. Sonst gäbe es diesen netten Versuch wohl auch nicht.

Was ist denn daran so schwer? Ich will meine guten alten Aufsichten zurück – diese schrotkörnigen Männer und Frauen, die notfalls mit Holzlatten aus ihrem Kabuff kommen, um ihre Fahrgäste zu schützen.

Alles andere ist nur eiskalte Betriebswirtschaft gepaart mit Hilflosigkeit im Lichte der Folgen daraus. Eine soziale Bankrotterklärung.

 

1559195772991929555331264679774-11796574242704199293.jpg