Retrospektive: Chaostage 1995

In Hannover brach mal der Bürgerkrieg aus. Für zwei Tage. Zwei Chaostage.

Ich war selten so gespannt wie auf diese lange angekündigten wilden Tage in der langweiligsten und grauesten Stadt Deutschlands. Den Iro frisiert, Flensburgerflaschenverschlüsse an die verrotteten Kampfstiefel geknotet, Bierkästen in den Kofferraum gepackt und die alte schrottreife Karre auf die Autobahn nach Hannover gequält. Mit V-Mann Joe im Kassettendeck. Und Toxoplasma. Wizo. Den alten Slime-Klassikern.

Hannover. Eine echt gute Wahl, denn Hannover ist die fürchterlichste aller fürchterlichen deutschen Provinzstädte. Es klang logisch, ausgerechnet hier Deutschlands Punks zu einer Horde zusammenzuführen. Hier musste es sein. Wo sonst?

Auf dem Beifahrersitz saß Til, mein einziger Freund zu der Zeit – ein heruntergekommener Punk ohne Perspektive, drogenabhängig, wohnhaft in einem Müllhaufen namens Wohnung, die selbst meine eigene Müllwohnung in den Schatten stellte, und dessen herausragendste Eigenschaft darin bestand, die Fresse zu halten und mir nie auf den Sack zu gehen.

Sprengelfabrik. Als wir ankamen, standen schon die Barrikaden. Und 100 Meter weiter stand der Räumpanzer. Was? Jetzt schon Showdown? Hat doch noch gar nicht angefangen. Doch zuerst blieb es friedlich.

Auch auf dem Fährmannsfest. Eine Band jagte die nächste, von irgendwelchen LKW-Anhängern wurde runtergespielt oder einfach so auf irgendeiner Wiese, scheißegal, alles scheißegal, wie so vieles an diesen zwei Tagen, so scheißegal wie der aufgebrochene und völlig leergeräumte Pennymarkt, an dem ich irgendwann viel später vorbeikam und vor dem ich ein paar Thunfischdosen fand, die ich nicht aufbekam. 

Ich war zufällig an dem Ort, an dem es zuerst richtig knallen sollte – genau zu dem Zeitpunkt, an dem es knallte. An der Sprengelfabrik. An den Barrikaden. Ich wollte dorthin, weil die Bands auf dem Fährmannsfest selbst im besoffenen Zustand zu scheiße waren, um sie zu ertragen. Also zurück zur Sprengelfabrik, ein paar Bier saufen, ein bisschen rumhängen, mal eben vor einem Räumpanzer abhauen.Bitte? Vor einem Räumpanzer abhauen?

Ich stand auf der Barrikade wie General Moltke, Bierpulle in der Hand, Kippe im Maul, als der Räumpanzer sich in Bewegung setzte. „Das macht der nicht,“, „Nee, das macht der nicht.“, „Is nur Getue.“, „Scheißbullen, voll die Verarsche.“, „Der kommt.“, „Der kommt wirklich.“, „Scheiße, der kommt… aaaaaaah, Fuuuuuuuck Wasserwerfeeeeeer!“

Wasserwerfer sind kacke, weil der Strahl enorm weh tut, ein Räumpanzer, der mit vollem Tempo auf eine Barrikade zufährt, ist erst recht kacke, also Beine in die Hand, auf die Fresse fallen und dann ab in das nächste Wohnhaus. Aus irgendeinem Grund waren sowohl Haustüre als auch die Luke zum Dach offen. Dach, cool, Überblick, notfalls über die Dächer abhauen.

Von da oben aus gesehen lag Hannover in Schutt und Asche. Barrikaden über Barrikaden, irgendwas brannte hier, brannte dort, überall Irokesen, überall Pöbel und Gesocks. Mein Problem: Ich saß inzwischen auf einem Dach in befreitem, das heißt in von Cops erobertem Gebiet. Was genau dann sehr ungünstig ist, wenn die hier rauf kommen und mich mit den drei anderen Versprengten vom Dach pulen, die hier oben saßen und sich kiffend das Kino von oben gaben.

Also kurz an den Kamin pissen und weg, schnell weg, über Dächer, irgendwo die Feuerleiter runter, durch Gebüsche durch, irgendwo jemanden treffen, der etwas zu Essen organisiert hat, an diesen Tagen ging das. Man wurde versorgt, entweder via Volxküche, irgendwo im Gebüsch von irgendwelchen Leuten, die irgendwo was geklaut hatten oder, überraschend oft, von Leuten aus Fenstern. Einfach so. Stullen, Bier, Kekse, oft Omas, total nette Omas, ich glaube, die waren froh, dass zwischen ZDF-Fernsehgarten und Tagesschau mal was los war in der Stadt.

Eine Oma winkte mich in die Wohnung, während die Cops draußen den Garten filzten. Ich trank drinnen Kaffee, aß Kuchen und hoffte, dass niemand klingelt. Der Fernseher brachte das Neueste aus der Chaostage-Stadt. Und wahrscheinlich war ich der Erste seit Jahren, der mit dieser Oma sprach. Drei Stunden lang. Über Krieg. Nazis. Polizeistaat. Dass sich was ändern muss.

Draußen wurde es ungemütlich inzwischen. Keine Konzerte mehr, keine Party, Hundertschaften aus anderen Bundesländern schienen angerückt zu sein, man redete von Hooligans und Skinheads, die zusammen mit der Polizei Jagd auf alles Bunte machen. Ungemütlich, ja, das Blatt wendete sich. Hatte man sich tagsüber noch behauptet, die Cops oft zum Rückzug gezwungen, wurde man jetzt als Irokese zum Gejagten. Man traf Leute im Gebüsch, unter Brücken, in Hauseingängen, trank aus wildfremden geschnorrten Bierflaschen, Wodkaflaschen, Weinbrandflaschen, verbrüderte sich mit jedem, der einem über den Weg lief. Ich habe eine Punkerin geküsst als wäre es das letzte Mal.

Ich musste raus aus dieser Stadt, die Party war vorbei. Ab jetzt konnte es nur noch bergab gehen. Morgen sacken die alles ein, was Beine hat und bunt ist. Ich schlug mich die meiste Zeit durch Büsche, durch Gärten, durch Hecken, über Zäune, immer wieder mit anderen zusammen, Gruppen, die sich fanden und wieder auseinander gingen, flüchtige Freundschaftsschwüre, bis zwischen mir und meinem Auto nur noch die Leine lag, dieser verdammte Fluss durch diese verdammte Stadt Hannover.

Brücken konnte ich nicht nehmen, zu auffällig. Zu viel Polizei. Man hätte mich sofort kassiert. Oder schlimmer noch: Die Hools. Von denen alle erzählten. Die Harten. Die aus dem Osten. Dynamo. Lokomotive. Hansa. Stahl. Eisernes Kreuz auf der Fleischmütze. Unwissenheit nährt Gerüchte und alles ist Übertreibung, von Mund zu Mund verschärft. Wir waren nicht weniger als im Krieg.

Ich habe alles geglaubt in dieser Nacht. Bürgerkrieg. Sirenen. Rauch. Trümmer. Einzelkampf. Guerilla. In Hannover. Im Gebüsch. Bloß nicht die Brücke nehmen. Die Brücke hält der Feind. Full Metal Jacket. This is my beer bottle. There are many like it, but this one is mine.

Ich hier. Auto da. Dazwischen die Leine. Also schwimmen. Klar. War doch August. Kein Problem. Wer nass ist, der trocknet auch wieder. Der Iro ist zwar hin, aber ein Bürgerkrieg ist ja auch keine Modenschau und hier ist heute sowieso Vietnam.

Gebüsch.Wasser.

Wieder Gebüsch.

Sirenen. Entfernte.

Endlich Auto.

Nasser Autositz.

V-Mann Joe.Wizo.

Slime.

Autobahn.

Bleifuß.

Hause.Hannover brannte auch am Tag danach. Diesen Tag habe ich vor dem Fernseher erlebt.

Video: Chaostage 1995

 


Man muss das nicht gut finden. Ich für meinen Teil werde diese Tage nie vergessen und distanziere mich grundsätzlich von gar nichts, was ich mal gemacht habe. Das hatte alles seinen Sinn, das war noch Jugend, das war noch Anarchie, das war noch Revolte. Die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Ich fand‘ das damals alles richtig. Ich war so jung, ich war so wütend. Damals war alles so viel egaler als es heute ist. Heute ist fast nichts mehr egal. Damals gab es kein Morgen. Heute gibt es fast zu viel davon.

Die Jugend revoltiert ja heute nicht mehr, sie hangelt sich von Praktikum zu Praktikum, von prekärem Job zu prekärem Job, schleimt sich bei mir für gute Noten in einer Weise ein, für die ich mich als Ausbilder fremdschäme, sie wählt CDU oder Grün, weil sie denkt, dass das hilft, ein paar Krumen mehr zu bekommen als andere, und ist mit 20 schon so bieder und angepasst wie es keine ihrer Vorgängergenerationen war.
Ja. Ich schere über den Kamm. Alle. Mit Absicht. Und Vorsatz. Ich weiß.

Til habe ich seit der Räumung der Barrikaden vor der Sprengelfabrik nie wieder gesehen. In seine Müllwohnung kehrte er nicht mehr zurück. Mobiltelefone gab es noch nicht. Ein paar Monate später soll er auf einer öffentlichen Toilette in Frankfurt gestorben sein. Der Goldene, sagte man. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist es. Ein Grab habe ich gesucht, aber nicht gefunden.


 

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