Prinz Pi in der Columbiahalle

„Schlag die Faust gegen die Wand! Zerstör dich und lass Frust ab, mach kaputt was dich kaputt macht! Schlag die Faust gegen die Wand! Zerstör das alte Muster, spuck auf was dich angespuckt hat!“
Prinz Pi – Schlag die Faust (feat. Casper)

„Sagämol, wer ischn hoit Vohrbäähnd?“ leiert es aus der Zahnspangenfresse einer minderjährigen Brillenschlange neben mir, die lasziv an ihrer Club Mate nuckelt wie an der Milch. Ich bin gerade in den Columbiadamm eingebogen, habe den Reichsadler von dem Nazi-Flughafengebäude hinter mir gelassen und will schon wieder umkehren. Sie können ja zuwandern, ja, gerne, aber bitte nicht sprechen. Nicht so. Bitte. Nicht. So. Sprechen. Der Nazi-Adler wendet sich ab, als könne er das ganze Elend auch nicht mehr ertragen.

Ich bin auf dem Weg zu Prinz Pi. Studentenrap. Gymnasiastenbeat. Ich bin zu alt für Abiparties. Willst du mit mir gehen? Ja. Nein. Vielleicht. Verliebt. Verlobt. Verheiratet.

Vor den Toren der Columbiahalle steht wie immer die Armut und bittet die Besucher um Pfandflaschen. Die Gymnasiasten schauen betreten. Die Armut muss ihnen die leeren Pfandflaschen fast aus der Hand reißen. Bitten, betteln, sich klein machen muss sie. Bisschen Mühe soll schon sein. Kann ich vielleicht die Flasche? Ja? Bitte die Flasche. Noch ein Schluck Club Mate und dann wird die Flasche rausgerückt. Fast angeekelt. Mit spitzen Fingern. Es ist schön zu sehen wie irritiert sie alle immer sind, wenn die Armut plötzlich Taten will und keine wohlfeilen Worte auf wummender Baseline.

Wie bei Prinz Pis Kumpel Casper ist die Halle gefüllt mit 14-jährigen Borderlinern, bleichen Mathematikereumeln, Immer-noch-Piratenparteiwählern, Gestalten, die selbst in die Mensaparty der TU nicht reinkommen. Und mir wieder. Wo sind eigentlich die Tempelhofer Testosteronbushidos wenn man sie mal braucht? Hier sind heute einfach 5.900 Jahre Unter-der-Bettdecke-in-die-Sportsocke-wichsen zu viel versammelt.

Wie immer in der Columbiahalle sind die angeheuerten Billiglöhner der studentischen Arbeitsvermittlung, die sich für Security halten, die reinsten Stümper. Ich hätte eine Kalaschnikow nebst einer Panzerabwehrrakete und deren zugehörigem Militärjeep reinschmuggeln können. Sie tasten an meinem dicken Schlüssel herum, bemerken nicht die Steine und Kastanien, die mein Kind tagsüber auf dem Spielplatz in meinen Taschen versenkt hat. Pfeifen. Man könnte ein paar dressierte Erdmännchen hier hinstellen, die mit aufgeblasenen Backen Maulaffen feilhalten. Niemand würde es merken.

Wummer. Wummer. Vorbands. Geiler Beat. Der Bass drückt mir die Herzkammern zusammen. Ich glaube, es hat mehrmals kurz ausgesetzt. Oder ist gesprungen. Oder beides. Autsch. Da! Nochmal.

Und da ist er auch schon, der Studentenrapper. Und er ist gut, er ist richtig gut, er hat die Menge im Griff, er dirigiert, er reißt mit, er kann das, er ist gut, richtig gut.

Er spielt nicht nur Neues, sondern auch alte Stücke aus der Porno-Zeit, als er noch unter dem wenig mehrheitsfähigen Namen Prinz Porno auftrat. Ich sehe Hass und Zerstörung, Berlin-West – keine Liebe. Meine eigene kleine Zeitreise. Danke, Pi.

Ich fotografiere Displays, die Displays fotografieren, die Displays fotografieren.

Dada.

Durst.

Die Bar ist wie immer professionell, schnell und gut. Mein Rum-Cola ist halb-halb. Ächz. Danke. Erst wollte er mir eine Cola geben. „Hey, nee, ick wollt ne Rum-Cola.“ „Ja dann musste dit och sagen!“. Ach? Ach. Berlin.

Dong. Dotz. Pam. Gerempelt wird wie bei jedem Konzert. Nur hier entschuldigen sie sich jedes Mal. Entschuldigung! Sorry! Sooooorry. Ja doch. Ist gut jetzt. Gymnasiasten.

22 Uhr. Dann ist es vorbei. Und sie rufen Zugabe. Wie die Frontstadtzombies bei André Rieu.

Und überhaupt: Wann hat das eigentlich angefangen, dass Konzerte um 10 vorbei sind? Früher war nicht nur alles besser sondern auch die Konzerte länger. Was ist da los? 22 Uhr. Aus. Aus. Das Spiel ist aus. Die Kinder müssen ins Bett. Schade. Er hat die Königin von Kreuzberg nicht gespielt. Doppelt schade. Tausendfach schade. Sein bester Track.

Ende. Schön. Ich mag Hip Hop-Konzerte, weil ich immer vom Passivrauchen angenehm bekifft bin.

Beim Rausgehen falle ich über ein Bündel auf dem Boden. Tschulligung, ick dachte du wärst ein Rucksack, sage ich. Sie lächelt höflich und verdreht die Augen.

Heute ist sowieso der Tag der komischen Begegnungen. In der U-Bahn später isst eine dicke alte Frau eine Tafel Ritter Sport mit einer Hingabe, die eine Mehrheit nicht einmal in sexueller Hinsicht aufzubringen in der Lage ist. Als die Tafel alle ist, titscht sie noch die Krümel mit dem nassen Finger auf. In diesem Moment ist sie völlig mit sich im Reinen. Das Bild geht mir lange nicht mehr aus dem Kopf. Ein vollkommen glücklicher Mensch.

Dann Prenzlauer Berg. Schönhauser Allee. Ich habe Durst, Lust, mich zu betrinken – wie immer, wenn ich zu viel Jugend eingeatmet habe und merke, dass ich nicht mehr dazugehöre.

Dann stehe ich auf der Mittelpromenade der Schönhauser Allee. Drüben tragen die Bullen wieder einmal einen Penner aus dem Geldautomatenvorraum der Sparkasse. Es wird Winter. Ich kann den Mantel zuknöpfen und bin gleich in meinem Bett, wenn ich will. Winter in Berlin. Hell is awaiting you. Ich checke, ob ich die Nummer vom Kältebus noch eingespeichert habe. Hab ich. 0178-5235838. Vorbereitung ist alles.

Diese blasierten Halloweenfratzen überall machen mich krank. Aufgedonnerte Landpomeranzen penetrieren meine Stadt. Berlin als Freizeitpark und Bühne ihrer Eitelkeit. Dumme schlecht geschminkte Schnösel versuchen, diese Landpomeranzen heute noch ins Bett zu bekommen. Sie versuchen es mit diesen neuen ekelhaften Feigling-Sorten. Eine trinkt die Sorte „Erdnussflips“ und kotzt kurz darauf einen halbverdauten Döner auf einen Poller. Süßes oder es gibt Saures. Sie sind die Plage, diese Putzerfische im Schatten des Medienhypes, die die Stadt umwirbt, weil sonst niemand kommen mag.

Ich habe sechs viel zu teure Dosen Rum-Cola von Bacardi gekauft, das schmeckt wie mit Zimt und Haribo Colaflaschen gepanschtes Frostschutzmittel und einen eigenartigen Film auf der Zunge hinterlässt. Dazu knacke ich Kürbiskerne, schnippe deren feuchte Schalen in den Paradeweg der Halloweenwichser und wenn eine Schale unter dem High Heel einer verkleideten Schnepfe kleben bleibt, kennt meine Freude keine Grenzen. Heute bedarf froh zu sein nur sehr wenig.

Irgendwann wird es kalt. Es ist nach Mitternacht. Hier passiert heute nichts mehr. In Prenzlauer Berg werden die Bürgersteige hochgeklappt. Das war mal anders. Völlig betrunken laufe ich nach Hause und die Lichter des Viadukts leuchten mir heim.


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