Villa Rodizio

Villa Rodizio. Fleisch. Unmengen Fleisch. All you can eat. Für 24,90. Den einen Fehler mache ich immer: Ich esse zu viel Unsinn davor und nebenher. Salate. Bulgur. Brot. Zeug, das kein Fleisch ist und sinnlos auf dem Buffet rumliegt.

Erster Gang: Spareribs. Die gehen immer. Nix dran. Aber gut mariniert. Die erste Fleischfaser setzt sich ganz hinten zwischen den Zähnen fest.

Zweiter Gang: Hähnchen, Chorizo und Pute. Die Pute ist furchtbar. Sie ist trocken. Pute ist immer trocken. Weil das Fleisch von Puten hochgejazzt wird ohne Ende und beim Grillen und Braten komplett austrocknet. Immer. Grusel. Ich habe einmal ein nicht-trockenes Stück Fleisch einer Pute gegessen. Das war in einem Sternerestaurant. Anderswo sollte man das bleiben lassen. Der Pute hier in der Villa hilft auch nicht der Speck, mit dem sie ummantelt ist. Sie ist trocken. Ich hätte sie gar nicht erst nehmen sollen.
Das Hähnchen ist standesgemäß in Öl gebadet und dementsprechend saftig. Gut.
Die Chorizo ist sensationell. Ich kenne Chorizo fast nur als Abfall. Mit Knorpeln drin. Dicken Fettstücken. Fußnägeln oder so. Kaum kaubar. Irgendwo beißt man immer drauf und denkt „Bah, was ist das wieder?“ Hier nicht. Groß. Ein Stück davon gesellt sich zu dem Stück Sparerib zwischen die Zähne.

Dritter Gang: Kassler. Gewöhnungsbedürftig. Mag nicht jeder. Der hier war gut, Saftig, Kräftig. Nicht trocken. Ich habe zu viel Brot gegessen. Zu viel Salat. Ich kann jetzt schon nicht mehr. Doch da kommen noch 5 Fleischgänge. Puh. Ich versuche eine Faser des Kasslers aus den Zähnen zu pulen und schaffe es nicht.

Vierter Gang: Rind. Richtig gut. Geradezu fantastisch zubereitetes Fleisch. Innen noch rot. Das Blut läuft. Zart. Fein. Eine perfekter Gang. Ein Stück Rind verdrängt den Kassler aus den Zähnen.

Fünfter Gang: Ich bin satt. Platt. Völlig fertig. Trotzdem kommt ein Schweinbraten. Leider mit wenig Kruste, aber dennoch saftig, gute Substanz, nicht trocken. Ich versuche so zu essen, dass nichts zwischen den Zähnen hängenbleibt. Das klappt aber nicht.

Sechster Gang: Lamm. Und das ist durch. Komplett durch. Schade. Durchgebratenes Lamm ist trocken. Und zäh. Hier auch. Schuhsohle. Schade. Ich bin noch satter. Ich beginne flach zu atmen, um den Magen nicht zu belasten. Und habe eine neue Fleischfaser zwischen den Zähnen.

Siebter Gang: Der Überraschungsgang. Hähnchenherzen. Kommt nicht jeder ran. Ich schon. Die Herzen sind okay. Herzen sind immer okay irgendwie. Passt noch rein. Zwischendurch. Ein Stück Vene bleibt zwischen den Schneidezähnen stecken und sieht jetzt doof aus. Herzchen. Ja, gut, kann man essen. Aber es sind eben Herzchen. Wenig kreativ. Lebt vom Eigengeschmack. Und muss weg.

Achter Gang: Der erste Nachtisch. Gebackene Bananen mit Schokosirup. Nun gut. Es sind gebackene Bananen mit Schokosirup. Weil ich immer noch nicht satt genug bin. Der Vorteil dabei ist, dass die nicht zwischen den Zähnen steckenbleiben. Ich versuche nicht an meinen vollen Magen zu denken.

Neunter Gang: Mit Rum flambierte Ananas. Ich bin völlig paralysiert und esse nur noch mechanisch. Das ganze Fleisch liegt im Magen herum und bildet einen Klumpen, der morgen das Badezimmer verseuchen wird. Die Fasern in den Zähnen ergeben zusammen eine ganze Mahlzeit.

Ich brauch‘ nen Schnaps. Zu viel gegessen. Die ganze Nahrung steht in der Speiseröhre Schlange und wartet auf den Einlass zur Verdauung. Schnaps. Jetzt. Bitte. Tequila. Es gibt einen guten Tequila. Für 4,20. Ein paar Jahre gereift. Ölig wie ein guter alter Rum. Im Abgang karamellig. Wow. Ich kenne Tequila nur als Ekelshot mit Salz und Zitrone. Aber nein, Tequila kann auch gut sein. Man lernt nie aus.

Villa Rodizio. Ich würde keinen Vegetarier mitnehmen. Ich würde das nicht öfter als einmal im Jahr machen, denn es ist eine Orgie, eine Fressorgie. Am Nebentisch saß eine Horde Matronen, die schon aßen, als ich Platz nahm und immer noch aßen als ich ging. Es ist ein Exzess. Es ist unvernünftig. Es ist obzön. Es ist viel. Es ist aber auch größtenteils gut. Gutes Fleisch. Mit Ausnahmen. Aber in der Gesamtschau gut. Und natürlich ist es Massenabfertigung. Fließband. Haps. Fressen. Haps. Fressen. Nächster Gang. Haps. Fressen. Zack. Zack. Kaum Pause. Nur Fressen. Zwei Stunden lang.

Villa Rodizio. Einmal im Jahr. Maximal. Oder eher alle zwei Jahre. Jetzt reicht es wieder.


Villa Rodizio
Milastraße 2
Prenzlauer Berg
http://www.villa-rodizio.de


 

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