Crosslauf: Der Opa des Grauens

Crosslauf. Über Stock. Und Stein. Und Baumstämme. Und Heuballen. Nach einem Regen. Mit Pfützen. In Groß-Glienicke. Döberitzer Heide. Auf dem Übungsplatz der Bundeswehr. Halleluja.

Und der Opa ist auch schon da. Der Opa des Grauens. Alterklasse M 70, 75 oder höher, zumindest optisch. Der Kerl ist immer da, wenn ich einen Volkslauf laufe. Und er ist immer der, der mich die ganze Zeit gewähren lässt und kurz vor Schluss einholt, wenn ich wieder falsch geatmet habe und Seitenstechen bekomme oder aus irgendwelchen Gründen irgendwo in einem Formtief festhänge und schon wieder keinen Bock mehr habe. Dann schlägt seine Stunde, dann zieht er vorbei, volkssturmertüchtigt, dieser Zombie, der einfach nicht aufhören will zu laufen.

Einmal habe ich ihn besiegt. Es muss der Havellauf in Zehlendorf gewesen sein. 14 Kilometer. Da kam er wieder angerobbt, bei Kilometer 13. Ich hör‘ den mittlerweile an seinem pfeifendem Atem. Und das Klappern der dürren Läuferbeine höre ich auch. Klapper. Röchel. Klapper. Röchel. Er übertönt sogar Rammstein im iPod. Aber das Geklapper täuscht: Der ist schnell, viel schneller, als er sich anhört.

Dieses Mal nicht, denke ich und beschleunige, obwohl ich weiß, dass Beschleunigung Seitenstechen nach sich zieht. Beißen. Ich riskiere einen Blick über die Schulter, der Opa ist dran. Zwei Meter. Ist das ein irres Grinsen auf seinem Gesicht oder ist es nur mein aufkeimender Wahnsinn, weil sich dieser Mensch auf den letzten Metern immer vor mich schiebt. Immer. Seit Jahren. Dieses biologische Wunder, der kann doch in dem Alter nicht mehr so … Zack! ist er vorbei. Was? Der ist vorbei! DER IST VORBEI! Schon wieder. Ich war unaufmerksam. Zuviel nachgedacht. Kurz langsamer geworden. Argh. Bastard. Den hol‘ ich mir wieder. Heute nicht, irrer Opa, heute kriegst du mich nicht. Die Seite sticht, die Waden schreien auf, die Lunge pfeift. Ich bin zu schnell für meine Kondition, aber das ist egal, es sind nur noch 500 Meter und der Drecksack hat zehn Meter Vorsprung rausgelaufen. Neun. Sieben. Vier. Ich hol‘ mir den. Ich kauf‘ mir den. Und wenn ich tot umfalle. Drei! Jetzt schaut er über die Schulter. Er weiß es. Heute nicht. Heute ist er fällig. Zwei! Gleich. Eins! Der Spargel wirft nur einen kümmerlichen Windschatten, doch jetzt sind wir gleichauf. Ich werde ihn mir heute kaufen. Es ihm heimzahlen. Alles tut jetzt weh, die Lunge brüllt, diese Geschwindigkeit tut mir nicht gut, der Körper protestiert, die Wade schickt einen Probekrampf als Warnung, der Magen einen Schuss Säure und der gesamte Bauchbereich ist ein Hauen und Stechen. Links. Rechts. Links. Rechts. Aua. Fuck. Autsch. Von regelmäßigem Atmen kann keine Rede mehr sein.

Ich komme mit dem Grinsen von Charles Manson im Gesicht drei Sekunden vor ihm ins Ziel und drehe mich um. Er wirft mir einen anerkennenden Blick zu und nickt.

Das war vor zwei Jahren. Seitdem war ich nicht mehr vor ihm im Ziel. Er war immer schneller als ich. Und ich habe es immer versucht.

Heute ist Crosslauf und er ist auch wieder da. Sieht mich an und nickt. Ich schüttele den Kopf. Heute nicht, Alter. Ich habe heute keinen Bock. Such dir einen anderen, um dir zu beweisen, dass du es immer noch bringst. Heute wird Dauerlauf. Mit Weizenbier hinterher. Ganz entspannt ohne Seitenstechen, Wadenzwicken und fieser Magensäure.

Ich starte absichtlich weit hinter ihm und komme auch weit hinter ihm ins Ziel. Chill Chill. Bang Bang. Tralala. Wer braucht schon Wettbewerb, wenn er Natur atmen kann. Ganz entspannt. Heute bin ich Zen, der entspannteste Läufer aller Zeiten, der irgendwann mit einer unterirdischen Zeit ins Ziel kommt.

Ach Quatsch. Bin ich nicht. Bin nicht entspannt.

Der irre Opa fehlt mir. Wenn ich mich schon nicht mit Kenianern messen kann, weil die schon längst abgereist sind, wenn ich ins Ziel komme, dann muss es der Opa sein. Wenigstens der Opa.

Also hoffe ich, dass er noch bis Silvester durchhält. Da ist der Lauf auf den Teufelsberg.

Und da mach‘ ich ihn platt.

 

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