Von Autodieben und Froschfressern: Im Familiengarten Eberswalde

Oh please, no more Brandenburg.

Doch! Willkommen in Eberswalde. Sie haben dort einen Familiengarten – eine alte Industriebrache – umgebaut als … was ist das eigentlich? Sieht aus wie eine misslungene Landesgartenschau. Mit viel Kunst. Diese moderne Metallkunst, mit der ich nichts anfangen kann. Draht. Stahl. Metalligitter. Eine Traumtierschau soll Tiere darstellen, doch ich erkenne kein einziges und mein Kind traut sich nicht zu klettern, weil diese Metallhaufen aussehen, als könnte es sich wehtun. Und ich glaube, es hat damit Recht.

Schnell wird klar: Auch hier ist Deutschland – geordnet und reglementiert. Ich darf nicht mit meinem Kind im Doppel-Kettcar fahren, obwohl es ein wirklich großes Kettcar ist und mich locker aushält. „Keine Erwachsenen“ sagt die Pausenaufsicht und ich muss absteigen. „Mein Kind ist zu klein zum alleine fahren“ insistiere ich. „Tut mir leid“ sagt die Pausenaufsicht. Jetzt fährt keiner mehr dort.

Sehr cool ist das Tretbootfahren durch die Betriebsarchen, zumindest wenn man verdaut hat, dass man vorher unfreundlich angekackt wurde, oben an der Treppe zu warten, bis der Herr der Archen den Pöbel die Stufen zu sich herunter ruft.

Der Herr der Archen mag keine Polen. Sagt er. Wejen die Handwerker un so. Nehmen allen die Arbeit weg. Machen hier allet kaputt. Allet jeht pleite. Weil von dem Wochenlohn hier kann der Polacke drüben zwee Monate leben. Und deshalb muss der Herr der Archen jetzt den dummen Touristen in die Tretboote helfen anstatt seinen alten Bohrmaschinenpenis in der pleitegegangenen Fabrikhalle zu schwingen. Allet nur wejen die verdammten Polen. Sie wissen dit vielleicht nicht, aber die Polen jeben dit Jeld jar nich hier aus, hier bleibt nix hängen, die nehmen dit allet mit nach Polen. Wie die Autos, die se klaun.

Ich kommentiere Auswürfe wie diese schon lange nicht mehr, es kommt einfach zu oft und ich bin sehr müde. Tue ich das doch mal, dann bestehen sie ganz schnell darauf, mich mit „den Polen“ gar nicht zu meinen, sondern immer nur die anderen. Die schlimmen Polen. Die Autoschieber. Die Einbrecher. Die Handwerker. Doch jeder hat immer auch einen guten Polen. Wie damals einen guten Juden. Der gute Pole. Der gute Türke. Der gute Jude. So funktioniert das in diesen Gehirnen.

Ich lasse ihn stehen, den Dorfdeppen, denn es gibt einen Eber. Einen Montage-Eber. Dieses Wunder guter alter Ingenieurskunst.

Auf den Eber kann man rauf. Und runterschauen.

Doch auch hier oben auf dem Eber habe ich keinen Frieden, denn neben mir dreht das Brandenburger Bildungsprekariat voll auf: „Wie hießen denn die Froschfresser, die hier jewohnt haben?“ „Hugonotten.“ „Wie Hugo?“ „Ja, Hugonotten. Wie man’s spricht.“

Ich überlege zu springen. Das bringt doch alles nichts mehr. Es wird nie vorbei sein. Es kommen immer neue nach.

Währenddessen ist mein Kind zu Tode gelangweilt. Es gab bisher in anderthalb Stunden nur wenig Begeisterndes für Zwerge. Ein paar Gärten, eine paar Sträucher, viel Metallkunst, die ich nicht verstehe und die für ein Kind keinen praktischen Nutzen hat, aber die hoffentlich schön viel Steuergeld gefressen hat und jede Menge erhobene Zeigefinger, Mahnungen, Umweltbildung, Naturpädagogik. Langweilig.

Doch dann finden wir die Märchenwelt. Viele Klettergeräte verstreut im Wald und verbunden durch Pfade.

Das versöhnt dann wieder. Das ist nett. Das ist gut gemeint und halbgut gemacht.

Dennoch: Ich fürchte, ich werde nicht wiederkommen. Ich weiß, hier ist er hingeflossen, mein Soli. Man hat einen teuer aussehenden Garten angelegt, sich viel Mühe gegeben, örtliche Künstler eingebunden, dem Dorfdeppen einen Job bei den Tretbooten verschafft, ein ermahnendes Umweltschutzerziehungstool neben dem anderen gebaut, nebenher eine Industriebrache vor dem Verfall gerettet und das Essen im Schleusenkrug ist auch gut. Alles toll, aber mir fehlt hier etwas. Das ist so … ich möchte das Wort eigentlich nicht in den Mund nehmen, aber hier passt es: Das ist so … verfickt nochmal gutmenschig hier. Ich will auch mal ein bisschen Blödsinn, ich will einen Sandkasten, in den mein Kind seine Plastikschippe mit chinesischen Weichmachern versenken kann, ich will mehr Schaukeln, mehr Rutschen, mehr Spielplatz. Das ist ein Familiengarten, verdammt, und Kinder lieben so einen Scheiß. Und hier fehlt das. Lieber eine „Rettet die Frösche“-Tafel weniger und eine Rutsche mehr. Dann wär’s gut hier.


Familiengarten Eberswalde
Am Alten Walzwerk 1
16227 Eberswalde


 

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