Unterwegs mit Trevor, der kranken Sau: GTA V

Ich bin durch. GTA V. Drei Wochen durchgezockte Nächte, drei bis vier Stunden Schlaf in der Nacht, in kurzen Träumen gequält von Headshots, Überfällen und Motorradrennen, morgens früh wieder raus, drei Wochen wie ein Zombie im Borgwürfel vor mich hin verwest – blass, Augenringe, todmüde, ferngesteuert, den Kaffee gleich literweise im Körper versenkt und Red Bull intravenös gespritzt, drei Wochen Fragen von Kollegen, ob ich Hilfe brauche, ob alles in Ordnung ist, ob denn der Betriebspsychologe mal nach mir schauen soll… ich habe darauf gewartet, dass sie mir noch die Visitenkarten ihrer Therapeuten zustecken. Nein, danke, mir geht es gut, kein Todesfall, kein Rosenkrieg, keine ‚Ndrangetha vor der Haustüre, kein Russisch Inkasso oder die Ex, die wieder Geld will, nein, es war nur GTA V.

Es ist wirklich ein Epos, das Rockstar Games hier hervorgebracht hat, unkorrekt, gewalttätig, fies, gemein, dreckig, eine Pottsau von Spiel. Der Spieler kann wie immer entweder die Missionen durchspielen – in der Reihenfolge wie er es mag oder einfach Amok laufen, ein paar Passanten über den Haufen fahren, Massenkarambolagen auf der Autobahn verursachen, einen Bullenwagen mit dem Maschinengewehr beschießen oder einfach Rennen durch Los Santos fahren. Ich mag das, es ist größtmögliche Freiheit auf einer Riesenkarte, die mich umgehauen hat. Das Spiel ist alles, nur nicht linear und ich finde das ausdrücklich gut.

Der Spieler kann aber nicht nur die Missionen durchspielen wie er gerade mag, er kann auch beliebig zwischen den Charakteren switchen. Da haben wir zum einen Michael, der mit einer nervenden Yoga-Ehefrau, einem verfetteten faulen Drecksack von Sohn und einer Geißel von DSDS-Tochter gestraft ist, die alle dekadent in einer Villa rumsitzen, nur Geld kosten und ihn hassen.

Dann gibt es noch Franklin, einen Schwarzen aus dem Ghetto, der sich mit kleinen Deals über Wasser hält, bis er auf Michael trifft. Franklin wird im Laufe des Spiels immer wieder von seiner alten Crew, die nichts auf die Reihe bekommt, in die alte Hood gerufen, um irgendwen aus der Scheiße zu hauen.

Die kränkeste Sau ist Trevor. Er wird in das Spiel eingeführt, indem er jemandem den Kopf zertritt und das Hirn und Blut von der Schuhsohle ins Gras schmiert. Guten Tag, das setzt schon mal Maßstäbe. Ja, das Spiel ist gewalttätig, sinnlos gewalttätig sogar und es zieht seine Brutalität gerade durch die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Gewalt durch das ganze Spiel zieht. Dieses Spiel lässt sich nicht friedlich spielen.

Einmal jedoch war meine Schmerzgrenze erreicht, von der ich nicht wusste, dass ich sie überhaupt habe: Trevor foltert jemanden, der das Versteck eines Kontrahenten verraten soll, aber es nicht tut. Der Spieler muss hierzu das komplette Folterprogramm abspulen: Strombehandlung, Zähne ziehen, mit einer Rohrzange die Knochen zertrümmern und zum Schluss der Guantanamo-Klassiker: Waterboarding.

Diese Szenen, die sich unerträgliche Minuten ziehen, sind kaum zu auszuhalten. Durch die genauen Anweisungen, welche Tasten des Controllers man nun genau drücken muss, damit man den Zahn aus dem Kiefer gedreht bekommt oder den Strom so dosiert, dass der Delinquent nicht an einer Herzattacke stirbt, wird man gezwungen, nicht nur lange Minuten dieser verstörenden Szene zuzuschauen, sondern sie sogar selbst zu gestalten.

Ja, ich habe es durchgezogen, aber das war das Derbste, das ich je in einem Spiel gespielt habe. Selbst Postal 2 damals auf dem PC, in dem man wahllos Menschen mit einer Schippe den Kopf abschlagen oder mit Benzin übergießen und anzünden konnte, war nicht so verstörend wie diese 15 Minuten Foltern eines Unschuldigen.

Ich hätte darauf gerne verzichtet.

Bis auf diesen Tiefschlag ist das Spiel eine große Freude, ein Zeitfresser, und wird nie langweilig, da man stets mit spontanen Nebenmissionen konfrontiert wird, die sich immer mal wieder am Straßenrand auftun und den Charakter in eine Situation bringen, aus der er für sich ein paar Scheine extra herausschlagen kann.

Durch das Spiel zieht sich ein Fatalismus und eine Misanthropie, die sich in jedem Charakter und in jedem, der ihm begegnet, widerspiegeln. Die Welt ist schlecht, alle Menschen sind Charaktersäue und wollen sich gegenseitig über den Tisch ziehen, jeder pöbelt jeden an und alle gehen sowieso über Leichen.

Und wer nett ist, kommt unter die Räder.

Manchmal tun sich erstaunliche Parallelen zu der Stadt auf, in der ich lebe: Wenn der Fahrradfahrer die Spielfigur über den Haufen fährt und brüllt „Get out of my fucking way you stupid fuck!“, dann sind wir plötzlich in Berlin und ich fühle mich zuhause.

Ganz klar, das Spiel ist sensationell. Dennoch: Es gibt einige wenige Dinge, die ich abgesehen von der Folterszene nicht gut finde:

1. Die Sache mit den Immobilienkäufen, aus denen sich je nach Art der Immobilie wieder Spontanmissionen kreieren, ist nicht ausgereift. Ich konnte die meisten Immobilien erst nach Abschluss der allerletzten Mission kaufen, also nachdem das ganze Spiel durchgespielt war. Vorher fehlte schicht das Geld dafür. Nur wenn das Spiel fertig durchgespielt ist, brauche ich die Spontanmissionen auch nicht mehr.

2. Das Spiel kommt erstmalig mit einer Onlineoption daher. Man kann sich mit anderen auf irgendwelchen Servern treffen und Missionen gegeneinander ausspielen oder gemeinsam im Team gegen andere Teams kämpfen. Leider fliege ich nach nach jeder zweiten Mission vom Server und kann mich oft nicht verbinden. Dazu kommt das chronisch schlechte WLAN der Playstation 3, alles ruckelt und zuckelt wie damals bei Counterstrike via ISDN. Das ist nicht ausgereift. Vielleicht wird es mit der Playstation 4 besser.

3. Grafisch sind wir mit diesem Spiel endgültig am Ende der Möglichkeiten der Playstation 3 angekommen. Wer HD auf einer Monsterglotze gewohnt ist, dem wird etwas fehlen. Die Playse bekommt diesen Overkill nur noch mit Mühe hin. Es hakt gelegentlich und die beim Autofahren vorbeifliegende Landschaft ist im Vergleich zu GTA 4 keine Weiterentwicklung. Mehr geht einfach nicht mit dieser Hardware.

So.

Leben, du hast mich wieder.

Meine Gesichtsfarbe wird nun langsam wieder gesünder, die Augenringe verschwinden, das Hemd steckt in der Hose und die Kollegen lassen ihre Hilfsangebote stecken.

Ob ich GTA V nochmal auf der Playse 4 … ? ob ich …? … vielleicht? … nur um mal schauen wie es dann grafisch aussieht…

Ach na klar, ich stell‘ schon mal die Palette Red Bull kalt.


Grand Theft Auto V: Official Gameplay Video


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