Samenstau und Wichsgriffel – Die Venus

Sieh an, es ist wieder Venus, diese Messe, für die jedes Jahr aufs Neue wieder mit möglichst traurigen Plakatmodels geworben wird. Dieses Jahr ist es Micaela Schäfer und irgendwer anderes, den ich nicht kenne und dessen Gesicht die Puritaner vom Plakat geschabt haben. Micaela Schäfer hat erstaunlicherweise einen Bikini an – das irritiert mich schwer.

Diese Models sehen in jedem Jahr gleich aus: Mühsam angemalte und frisierte Allerweltsgesichter ohne jeglichen Esprit – dafür mit quietschbunten Plastikschaufeln an den Fingern, die sich ganz viel Mühe geben, möglichst debil aus der kaum vorhandenen Wäsche zu schauen. Trauriger ist da nur noch die FDP-Wählerin und langjährige „Venus-Botschafterin“ Dolly Buster, die inzwischen so wachspuppenartig daherkommt wie Michael Jackson in der Endphase oder Rainer Brüderle auf seinen Photoshop-Wahlplakaten. Endstation, bitte alle aussteigen.

Es geht kaum schlimmer, zumindest wenn man von den gruselig anachronistischen 70er-Style-Plakaten für das Big Sexyland in Charlottenburg absieht, dessen inzwischen bestimmt an Altersschwäche verstorbenen, aber immer noch unverzagt an den Litfaßsäulen dieser Stadt rumhängenden Models tatsächlich Glitzersternchen auf den Brustwarzen kleben haben – ein Chi Chi, das man zuletzt bei der Tutti Frutti-Show aus den Anfängen von RTL in den 80ern bekloppt finden konnte.Die Venus zieht ein durchaus gemischtes Publikum an. Wir sehen dort

– spätpubertierende Pickelgesichter kichernd in Gruppen mit den Händen in den viel zu kurzen Jeanshosen das erste Mal in diesem Jahr echte Brüste bestaunen, von denen sie wieder mindestens bis zur nächsten Venus unter der Bettdecke, wenn Mama schon schläft, zehren können,

– alte und furchtbar verbraucht aussehende Rentner, die niemand außer ihrer schwieligen rechten Hand mehr berührt und für die diese Messe der ultimative sexuelle Höhepunkt des Jahres darstellt, bei der sie mit Kennerblick diejenige Frischfleischware taxieren können, in deren Genuss sie ohne Bezahlung in diesem Leben nicht mehr kommen werden,

– ludengleich anmutende Silberrücken aus dem Bilderbuch für Puffgänger und Krimidramaturgen, die sich Inspiration für ihre heruntergekommenen Nachtclubs in den schlecht beleuchteten Seitenstraßen des Weddings holen, in denen sie ihre Pferdchen laufen lassen, und

– überraschenderweise junge, selbstbewusste und unoperierte (!) Frauen mit akademischer Aura, tiefenentspannt, schmunzelnd und begleitet von ihren schwitzenden hypernervösen Partnern, die ganz sanft, mit dreifach indirekter Rede und ohne einen Ansatz von Erfolg versuchen, ihrer Partnerin Gogo-Overknees in Latexoptik schmackhaft zu machen.

An Ware geboten wird indes nur Fades und nichts, was nicht für erheblich weniger Geld auch im nächsten Sexshop oder beim einschlägigen Versandhandel erworben werden könnte: Diverse Hilfsmittelchen, Cremes, Dildos in allen natürlichen und unnatürlichen Formen und Größen, Plastikpuppen für Einsame, Penispumpen für wandelnde Minderwertigkeitskomplexe und immer noch Pornofilme auf DVD für die zahlreichen Rentner, die noch nicht wissen, wie man da online kostenlos rankommt.

Viele der anwesenden Damen aus dem einschlägigen Filmgeschäft kommen mit ihren Silkonbrüsten, aufgespritzten Fahrradschlauchlippen und botoxversteifter Mimik als groteskes wandelndes Ersatzteillager daher und spulen ihr Programm eiskalt routiniert und ohne jegliche Erotik ab, während sich um sie herum krakenartig die Smartphones in die Lüfte erheben, um den letzten möglicherweise noch vorhandenen Rest an Atmosphäre endgültig abzutöten. 

Nach der absolvierten Pflicht wird den belagernden Pickeln und schmierigen Rentnern gerne ein wegen der langen bunten Plastikschaufeln umständlich hingeschmiertes Autogramm spendiert oder gerne auch mal ein Küsschen, mit dessen Erinnerung die Beschenkten noch Jahre später das Innere ihrer Socken besamen werden können.

Der hierbei entstandene verwackelte Schnappschuss aus dem Smartphone kann beim nächsten Skatabend bei Molle und Korn oder bei der nächsten Lanparty bei Chips und Cola stolz den vor Neid ergrünenden Mitspielern präsentiert werden und findet sich noch Jahrzehnte danach als Hintergrundbild auf dem PC oder eingerahmt auf dem Rentner- oder WG-Klo wieder.Vor ein paar Jahren war ich das letzte Mal da, als die Messe von der unvermeidlichen und mittlerweile etwas deformierten Dolly Buster und der nicht minder deformierten Tatjana Gsell eröffnet wurde, was dann auch gleich einen erschöpfenden Ausblick darauf gab, was die Besucher drinnen erwarten konnten: Endstation – frisch vom OP-Tisch.

Die auf High Heels durch die Gegend stöckelnden katzenbergerartig daherkommenden Chirurgieopfer, die Mary Shelley als Inspiration hätten dienen können, bekam ich dort nur selten aus der Nähe zu Gesicht, denn ihre erschreckend banalen Shows waren nicht nur rar gesät, sondern – wenn sie denn mal stattfanden – derart überlaufen, dass ich mir besser ein Opernglas mitgenommen hätte.

Das alles wird sich in den zwei Jahren kaum geändert haben. Ich muss da nicht mehr hin. Für mich hat die Venus nur den schmierigen Charme einer vollgewichsten Videokabine, deren Protagonisten sich bemüht in ihrer eigenen gefühlten Wichtigkeit sonnen und sich von traurigen Gestalten bewundern lassen, die ihnen gutes Geld für ihr eigenes inexistentes Sexualleben hinterher werfen.

 

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