Bei Alba in der Sauerstoffwelt

Alba Berlin. Basketball. Es geht wieder los. Und ich bin ein Verräter: Ich gehe in die O2-World und schimpfe nicht.

Der Berliner schimpft ja gerne. Immer. Über alles. Aus Prinzip, Gewohnheit, Marotte und weil er muss. Irgendetwas treibt ihn innerlich an.

Macht man was, schimpft er („Was machen die Verbrecher da wieder?“). Macht man nix, schimpft er auch („Die Verbrecher machen hier nix.“). Man kann dem gemeinen Berliner neben Zucker auch karamellisierten Trüffelkrokant in den Arsch blasen, er wird trotzdem schimpfen, dass da nicht noch essbare Plättchen aus Reingold angebracht waren.

Und so baute vor einigen Jahren eine eklige große Telefonfirma eine dicke fette nagelneue Multifunktionsmehrzweckmonsterriesenersatzpenishalle mit allem Schnickschnack in den Friedrichshainer Sand und daraufhin schimpfen die Autonomen, man würde ihnen die Lebensräume wegnehmen. 

Lebensräume. Im Friedrichshainer Sand. Wo da vorher nichts stand außer ein paar verratzte Garagen aus Kaiserszeiten und verrostete Brachschuppen aus NVA-Beständen – ein ganz fürchterlich trostloser Ort wie aus einem Endzeit-Film nach dem Atombombenabwurf.

Ich erinnere mich, dass ich an diesem Ort Mitte der 90er mal zu später Stunde in einer völlig abgeranzten EBM/Industrial-Drogenhölle namens Non-Tox gelandet bin, zu der man nur über einen fast unbeleuchteten, schlammigen und völlig verschlaglochten Weg gelangte, an dessen Rändern man jedwede Drogen, Drogenersatzstoffe und wahrscheinlich auch Kalaschnikows, Granaten und Flugabwehrraketen erwerben konnte. 

Nein, heute habe ich kein Verständnis. Ich bin sonst sofort an der Seite derer, die fortgentrifiziert werden und stelle mich mit Überzeugung, Pathos und Inbrunst gegen die flächendeckende eiskalte Investmentarchitektur, die über diese Stadt hereinbricht wie die Schalen des Zorns aus der Offenbarung des Johannes. Aber hier habe ich einmal kein Verständnis für den Unwillen. An dieser Stelle war nichts ansatzweise Erhaltenswertes vorher. Manchmal muss man auch mal einfach abreißen. Es hilft ja nix.

Nein, ich schimpfe als einer der wenigen nicht über die O2-World, ich finde sie gut, denn sie ist intelligent geplant, optisch einigermaßen erträglich umgesetzt und ein Gewinn für Berlin. Clever sind die kurzen Wege, zumindest wenn man weiß, welchen Eingang man zu nehmen hat. Auch die Optik verlässt sich nicht auf den bei Neubauten immer so gerne genommenen Sichtbeton-Glas-Stil im stimmungskillenden Grau-in-Grau, sondern wirkt erfrischend mit seinem Blau auf Weiß. Innen haben wir modernste Technik, einen fast von jedem Sitzplatz aus sehr guten Blick auf das Geschehen und ein Sound, der Spaß macht. Ich bin hier tatsächlich gerne. Allerdings habe ich hier noch kein Konzert erlebt, aber man hört, dort soll der Sound nicht ganz so optimal sein. Schade. Irgendwas ist ja immer.Ich mag auch den recht schön gestalteten und aufgeräumt wirkenden Vorplatz, an dem nichts mehr an die verkeimte verrostete Grenztruppen- und Drogenhöllen-Vergangenheit erinnert.

Ich würde ja das Schimpfen verstehen, hätte man für die Arena zwei Blöcke Kreuzberger Altbau im Jugendstil samt Köpi abgerissen, aber mit Blick auf das was da vorher war, ist das doch ein Schritt nach vorne.

Egal. Was soll’s. Ich will auch mal Mainstream sein. Alba hat gewonnen. Mit über 30 Zählern Unterschied. Gegen irgendein schwäbisches Nest. Und mich freut das.

 

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