Was tun mit der Gewalt?

Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt.
Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt.

(endlich mal ein Goethe-Zitat untergebracht)

Ich habe in meinem Text zum Konzert von New Model Army einen kurzen Blick in einen kleinen Teil meiner Geschichte riskiert. Eine Frage, die ich daraufhin gestellt bekam, war die, wie man denn meiner Meinung nach mit der Gewalt umgehen soll, mit der man selber konfrontiert wird.

Keine einfache Frage. Doch ich habe einige (zu viele) Erfahrungen mit Gewalt in den verschiedenen Stufen gemacht und für mich einen Weg gefunden, mit ihr umzugehen.

Die meisten Menschen durchlaufen im Bezug auf Gewalt, die ihren Weg kreuzt, einen zwangläufigen Lernprozess und erkennen irgendwann: Es gibt böse Menschen. Sie sind einfach da. Man kann sie nicht wegdiskutieren. Und man kann sie nicht kurieren. Denn sie haben einfach Lust, böse zu sein. Je mehr Alkohol, desto hemmungsloser.

Und Freundlichkeit hilft komischerweise nie weiter. Dabei hilft die so oft. Nur hier nicht.

Ich habe das schmerzhaft erlernen und mir selbst eingestehen müssen, auch wenn ich mich lange dagegen gewehrt habe: Ja, es gibt gewalttätige Arschlöcher. Und sie sind nicht einfach gewalttätige Arschlöcher, weil sie durch Verkettung unglücklicher Umstände quasi fast unverschuldet zu gewalttätigen Arschlöchern gemacht wurden, sondern es sind Menschen, denen es sichtlich Spaß macht, ein gewalttätiges Arschloch zu sein, weil sie aus irgendwelchen Gründen gar nicht gemocht werden wollen.

Ich fand das früher unvorstellbar und dachte immer, ich muss nur nett genug sein, dann freuen sich die Arschlöcher, dass mal jemand nett zu ihnen ist, und hören fortan auf, Arschlöcher zu sein.

Heute ist klar: Das funktioniert so nicht.

Die traurige Wahrheit ist: Der Gewalt muss man Grenzen setzen. Laut. Nachdrücklich. Hart. Deutlich. Den eigenen unverletzlichen Radius verteidigen. Es geht nicht anders.

Aufhänger? Kontext?

Aktuelles Beispiel von mir: Was macht man auf einer Party, wenn ein Arschloch Streit sucht? Gezielt. Absichtlich. Penetrant. Und nicht aufhört.

Die Eskalation der Auseinandersetzung verlief sehr langsam – es schaukelte sich klassisch hoch, über Stunden: Provokationen, schlechte Witze, gezielte Beleidigungen, schauen, wie weit man gehen kann, absichtlich Bier über den Arm kippen, dann Gerempel, eine „zufällige“ Kopfnuss beim Vorbeilaufen, nochmal Rempeln, zuletzt ein nur mühsam freundschaftlich getarnter Schwitzkasten, von hinten ausgeführt, überraschend und brutal.

Wie geht man damit um? Flüchten? Gut zureden? Keine Chance, hier will jemand Stress und will das geklärt haben. Der hat ein Ding mit mir laufen. Der will in so einem Moment mich und niemanden sonst. Der Grund ist egal, meist dürfte ein unverarbeitetes Kindheitstrauma eine Rolle spielen – zugefügt von jemanden, der vielleicht so aussieht wie ich. Oder so spricht. Oder die gleiche Lederjacke hat. An küchenpsychologischen Ursachen wie diesen liegt es meistens, wenn es sonst keinen Grund gibt, warum jemand sinnlos die Konfrontation sucht.

Flucht ist nur noch selten eine Option für mich. Flucht heißt oft mehr als einfach nur das Feld räumen. Man gibt dem Sieger die Genugtuung, dass er gewonnen, dass er vertrieben hat und es bleibt die Schmach, dass man gekniffen hat. Dass man gekuscht hat. Vor Publikum auch noch.

Ich habe das als Jugendlicher oft gemacht. Ich war der Meister im Davonlaufen. Über Zäune. Gärten. Hinterhöfe. Das hat nie etwas gebracht. Dann haben sie mich Tage später irgendwoanders abgefangen. Die Gewalt ist hartnäckig. Sie erwischt ihr Opfer früher oder später. Und wenn es bei der nächsten Party ist, bis zu der man als Opfer in permanenter Angst lebt, dass man heute fällig ist.

Was gibt es sonst an Strategien? Appeasement? Gut zureden? Schleimen? Bei einer höheren Gewalt petzen? Sich demütigen vor der Gewalt? Bitte bitte hör doch auf bitte? Sinnlos. Die Gewalt kriegt man trotzdem ab, jetzt sofort oder später irgendwann – nur dass man sich zusätzlich selbst zum Opfer gemacht hat.

Ignorier‘ das doch, wird auch oft gesagt, gerne von Menschen, denen nie Gewalt widerfährt. Meine Erfahrung sagt: Ignorieren hilft überhaupt nicht dabei, eine solche Situation zu überstehen. Der Angreifer will eine Reaktion und er wird nicht aufhören ehe er eine Reaktion hat.

Nein, das bringt alles nichts. Man muss der nackten Tatsache ins Gesicht sehen: Es gibt die Gewalt und sie sucht sich wahllos Opfer aus. Und es gibt einfach Arschlöcher, die einfach Arschlöcher sind. Das sind keine verkappten guten Menschen mit gutem Kern, der nur freigelegt werden muss, nein, das sind Arschlöcher. Und sie wollen das sein. Sie wollen ihr Opfer am Boden sehen. Zumindest verbal und oft auch körperlich. Da hilft kein gutes Zureden und sie werden nicht eher aufhören, bis man ihnen Grenzen setzt: Klare Ansagen. Einen Standpunkt einnehmen. Bereit sein, dagegen zu halten.

Denn ich glaube, es ist nicht immer der Klügere, der nachgibt. Der, der nachgibt, ist eher meistens der, der die Auseinandersetzung scheut.

Wie lief die Eskalationsspirale auf der Party? Wie habe ich im Einzelnen reagiert?

  1. Provokation Grinsen. Nicht antworten. Kein Wort. Pokerface.
  2. üble Beleidigungen noch üblere Beleidigungen zurückballern, im Zweifel noch niveauloser als die Vorlage. Das kann man üben, auch wenn man keine keifenden Proleteneltern zuhause hatte. Auf dem Bau zum Beispiel. Oder bei mir in der Stammkneipe am Tresen. Manchmal ist an dieser Stelle schon Schluss. Der Andere sieht: Okay, mit dem kann ich es nicht machen. Der wehrt sich. Der hält dagegen. Ich lass‘ das mal und suche mir ein echtes Opfer, das es mir einfacher macht.
  3. die zweite „zufällige“ Kopfnuss klare Ansage: „Alter, suchst du Stress? Willst du die Feier versauen? Sollen wir das klären? Kein Problem. Wir gehen raus und klären das. Sag was du möchtest. Komm. Ansage, Alter.“ Auch das kann man üben. Gegenhalten. Immer gegenhalten. Grenze klarziehen. Oft ist hier Schluss, weil keiner abschätzen kann, was du so drauf hast. Katze im Sack und so. Der große Unbekannte. Vielleicht kannst du ja Taekwondo. Oder wenigstens Jiu-Jitsu. So kommt noch ein finaler Spruch zur Gesichtswahrung und dann war es das meistens.
  4. der finale Schwitzkasten an der Stelle reichte es auch mir: Ellenbogencheck an den Kiefer. Der tut ihm wahrscheinlich heute noch weh. Kann man auch üben. Vielleicht sogar an der Volkshochschule. Gegenhalten. Das muss sein. Wer mit dem Säbel rasselt, muss bereit sein, ihn zu ziehen. Wenn es also tatsächlich offen körperlich wird, muss körperlich dagegen gehalten werden. Diese Gewalt vor Publikum betrifft im Übrigen meistens Männer, weil kaum jemand in der Öffentlichkeit eine körperliche Auseinandersetzung mit einer Frau anzetteln wird – er hätte sofort sämtliche Anwesenden gegen sich, wahrscheinlich sogar seine eigene Crew, die ihn nach Hause bringt. Gibt es keine Öffentlichkeit und man ist deutlich schwächer, gilt: Rennen. Schnell rennen. Das ist eine Frage der Vernunft.

Nach dem Ellenbogencheck passierte auf der Party nichts mehr. Die Grenze war erfolgreich gesetzt. Er mied meine Gesellschaft und ging irgendwann unauffällig – ohne sich zu verabschieden. Die Gewalt hat es versucht und ich bin nicht ausgewichen.

Manchmal reicht das jedoch nicht.

Ich habe zweimal in meinem Leben Stufe 5 erreicht: Der Schlag in die Fresse. In meine Fresse. Da hilft dann gar nichts mehr. Es gab jeweils eine klassische Schlägerei. Weil er es wollte. Weil es geklärt werden musste. Und es danach auch geklärt war.

Und räumen wir es doch einfach mal ehrlich ein: Es war beide Male ein tolles Gefühl. Warum in die Tasche lügen? Einer griff mich an und ich habe mich gewehrt. Ich habe zurückgeschlagen. Ich habe mich nicht klein gemacht vor der Gewalt.

Und sprechen wir doch bei der Gelegenheit auch eine andere Wahrheit offen aus: Sich auch körperlich zu wehren gibt einen Boost für das Ego eines jeden, der vorher keines hatte. Und so richtig weh tut das auch nicht. Das Adrenalin betäubt sowieso alles. Wenn keine Waffen im Spiel sind, ist das gar nicht so schlimm.

Dinge wie diese sagt niemand. Dinge wie diese spricht niemand an. Die herrschende Meinung goutiert das nicht. Der Gewalt hat man sich immer nur mit Appeasement entgegen zu stellen, so die Lehre. Gewalt ist keine Lösung, Gegengewalt auch nicht. Man soll den Gewalttäter bitten, damit aufzuhören. Oder die Flucht versuchen. Oder die Polizei rufen, die nach zwei Stunden mit zwei gelangweilten Beamten anrückt und einen Bericht schreibt.

Sich vernünftig zu wehren wird nirgendwo gelehrt. In der Schule nicht. Im Beruf nicht. Warum eigentlich nicht?

Und komm‘ mir übrigens keiner mit „Aber ich kann das nicht, ich bin viel zu dünn“ oder schlimmer noch: „Aber ich als Frau kann das nicht.“ Doch, ich kenne Frauen, die können das. Besser als mancher Kerl. Die sind klein, schmächtig und trotzdem laut. Keiner kann ihnen was. Keiner tut ihnen was. Ihr würdet euch wundern. Wer zu klein oder zu dünn ist und sich nichts zutraut, kann an sich arbeiten. Stimme trainieren. Auftreten trainieren. Blick trainieren. Krafttraining. Meinetwegen Kampfsport, wenn es unbedingt sein muss. Egal wie: Stark werden.

Ich habe mich von diesem unbedingten Appeasement verabschiedet. Es bringt zu selten etwas. Die vielen kleinen Hitlers auf den Pausenhöfen, in den Schwimmbädern oder nachts in der M10 müssen immer Gegenwehr bekommen, sie dürfen damit nicht durchkommen. Wir müssen ihnen zeigen, dass es so nicht geht. Und ich bin überzeugt, dass das jeder kann. Man muss es nur lernen. Und an sich arbeiten.

Eine Welt, in der alle Arschlöcher Gegenwehr von denen bekommen, die sie für ihre Opfer halten, würde mir gefallen.

Und nun die Frage der Fragen: Wie erkläre ich das alles meinem Kind?

Vielleicht so: Ein Mensch muss sich wehren, wenn er der Gewalt begegnet. Er darf die Gewalt nicht hinnehmen. Er muss sich wehren. Ruhig. Überlegt. Mit Augenmaß. Immer mit Augenmaß. Und immer auf derselben Eskalationsstufe des Angreifers. Und er darf dabei eine ausreichende Anzahl an Zeugen nicht vergessen. Gibt es keine Zeugen oder kommt die Gewalt zu überraschend, hilft nur rennen. Schnell rennen kann man auch trainieren.

Gibt es Alternativen?

Ich sehe leider keine.

Wird das funktionieren?

Das weiß ich leider nicht. Aber das weiß man nie.

 


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