New Model Army im C-Club

Der Nostalgie kein Ende. Nach dem großen Iggy Pop spielt nun New Model Army in Berlin. Am Tag der Einheit. Passt ja. Nicht. Denn dieser von sich selbst besoffene Nationaltaumel ist New Model Army fremd. Justin Sullivan stand immer schon auf der anderen Seite – auf der der Unterprivilegierten, der Außenseiter und der Verlierer.

Haltung. Das ist New Model Army.

Doch Haltung kommt nicht mehr so gut an. Man hat das Konzert aus Huxleys Neue Welt in den kleineren C-Club verlegt, was immer ein Zeichen dafür ist, dass der Kartenvorverkauf nicht so gut lief. Der C-Club: Kleiner als jede Schulaula, in der Abibands mit ersten musikalischen Gehversuchen die Mitschüler und das Kollegium quälen.

Ich weiß nicht, ob man durch den Umzug in die kleinere Location mehr Karten verkauft hat als man eigentlich hätte dürfen, aber es ist eng, extrem eng, man steht fast wie bei der Berliner S-Bahn im Berufsverkehr eng eingekeilt, nur immer mal wieder unter Bierduschen, wenn sich die Bierholer mit den vier Plastikbechern über den Köpfen haltend vorbeidrängeln. Ich mag das. Clubkonzerte sind besonders.

Der Einlass ist gewohnt berlinerisch ruppig. Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, mich zu stören, von Türstehern geschubst zu werden, damit ich schneller weiter gehe. Ich glaube, es fing an, als die ersten von denen jünger wurden als ich. Respektlosigkeit. Früher war das auch so, nur hat es nicht gestört, weil man noch glaubte, dass das so sein muss.

Es ist fast wie ein Klassentreffen. Ich sehe bekannte Gesichter, die mir bei ähnlichen Konzerten ähnlicher Bands schon einmal begegnet sind. Nur wieder älter geworden inzwischen. Sowieso: Alt gewordene Rebellen überall, Außenseiter, man erkennt sie sofort, sie erkennen sich sofort, viele Stirnglatzen, sowieso Haarausfall oder wenigstens dünn gewordenes Haar, das Kinn hängt auch schon runter und die Plauze nicht weniger. Einer jenseits der 40 mit einem Gesicht wie ein alkoholkranker Buchhalter verstrubbelt sich mit Absicht noch ein wenig das Haar bevor das Konzert beginnt. Damit es wilder aussieht. An Bürotagen ist es wohl ein Seitenscheitel. Den sieht man immer noch.

Und einer von Arbeit läuft an mir vorbei. Tagsüber im Borgwürfel sonst ein Pinguin. Heute in Armeeklamotten. Er nickt mir zu.

Die Vorband heißt Tusq, kommt aus Hamburg und ist gar nicht mal so schlecht wie Vorbands normalerweise sind. Solider schneller Independent-Rock, ein bisschen unreif noch, aber sie sind ja noch jung. Da kann was draus werden.

Der Auftritt ist jedoch kein Vergleich zu Justin Sullivan und seinen Jungs, die den Laden schon nach den ersten Takten im Griff haben. Sie irritieren bewusst und spielen zum Auftakt eine ganze Reihe unbekannter Stücke, die ruhigen, die eher psychedelisch daherkommen. Kein Hit dabei. Und knallt trotzdem.

Die Hits kommen erst später: „Here comes the war“, „The Hunt“, „No rest for the wicked“.

Nach „Frightened“ und „Purity“ merke ich, dass mir die Tränen laufen. Ich weine. 20 Jahre sind vorbei gegangen. So schnell. Wie lange das plötzlich her ist. Schule. Ein Punk unter Junge-Union-Gesichtern, ein Fremdkörper unter diesen Draco Malfoys. Der Typ am Rand. Der nicht dazu gehört. Von dem sie sich nicht erklären können wie er dort hingekommen ist in ihren Klassenraum. Er ist der, der komische Musik hört. Der immer schwarz trägt. Der immer ganz hinten sitzt. Er ist der, über den sie lachen, weil er auf den Klassenfotos missmutig an der Kamera vorbei schaut als ginge ihn das alles nichts an. Sie hören Scooter. Westbam. Und Dr. Alban. Die Fantastischen Vier oder die Cranberries nur, wenn sie sich heute frech fühlen. Erasure eher nicht, weil das ist ja schwul. „Ach ich weiß nicht, meine Lieblingsmusik ist alles aus den Charts.“ Lalala.

Nur der Typ von der hinteren Bank ist der, der nicht dazu gehört. Er ist ihnen suspekt. Er hört Slime. Chaos Z. Rage against the machine. New Model Army. Und Schlimmeres. Sie mögen ihn nicht. Er ist anders als sie. Er weiß das auch und gibt sich keine Mühe, zu ihnen zu gehören. Er steht alleine, er sitzt alleine. Das war immer schon so. Und wenn andere schlafen, sitzt er auf dem Friedhof und trinkt.

I want to be a hero and a villain
And a father and a son
Take care of my body and abuse it still
Until everything goes numb
So let’s make this dance and never fear
That there’s any real reason why we’re all here

Justin Sullivans Stimme richtet ihn immer wieder auf, wenn er wieder aufs Maul fällt. Oder wenn sie ihn aufs Maul fallen lassen. Wenn sie ihn ausgrenzen. Wenn sie ihn nach der Schule abfangen, einkreisen, schubsen, aufmischen. Wenn er nichts zu verlieren hat und einen von ihnen in den Dreck prügelt. Wenn er danach von der Schule fliegt, weil Gewalt immer erst Gewalt ist, wenn sie jemanden aus der Mehrheitsgesellschaft trifft. Wenn er sich bei dem entschuldigen muss, der nicht nur das Wort gegen ihn führt. Wenn derjenige dabei grinst.

„Du führst Krieg gegen die Schule und den wirst du verlieren“ geben ihm die Pädagogen mit auf den Weg.

Doch er steht immer noch. Ihr habt ihn nicht kaputt bekommen. Ihr habt ihn nur stärker gemacht. Er ist immer noch da.

Verdammtes Selbstmitleid. Manchmal bricht es Bahn. Ich war das. Ich war der Punk. Heute bin ich groß. Stark. Nur schwer zu verwunden. Alles erlebt. Alles eingesteckt. Alles aufgenommen. Alles absorbiert. Gewachsen. Groß geworden. Es hätte auch anders laufen können. Besser. Einfacher. Weniger steinig. Bei anderen tut es das. Es ist so lange her, ganze Wiesen sind über die unzähligen Narben gewachsen. Heute sehe ich Ausgegrenzte im Bus und möchte ihnen sagen „Durchhalten. Durchbeißen. Eure Zeit kommt. Nichts kann euch umwerfen, wenn ihr es nicht zulasst. Und es geht immer alles vorbei.“

Purity. Frightened. No rest for the wicked. Vagabonds. The Hunt.

And we could spent our whole lives waiting
For some thunderbolt to come
And we could spent our whole lives waiting
For some justice to be done
Unless we make our own

Und ich weine.


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