Paranoid in den Tag der Einheit

Ich habe keine Vorurteile, nein, ich doch nicht, ich bin doch aufgeklärt, tolerant, mir kann keiner gar nix, ich bin der metrokulturelle Großstädter, ich habe alles gesehen, alles, ich akzeptiere alles, mein Puls bleibt ruhig, egal was kommt…

In der U4, der sinnlosesten aller Berliner U-Bahn-Linien, sitze ich alleine mit einem Musterexemplar derer, die sie als Schreckgespenst durch die Bestsellerlisten und über den Boulevard jagen. Kaftan. Gebetskette in der Hand. Klick. Klack. Klick. Rauschebart. Gehäkeltes Mützchen. Tasche. Handy. Er murmelt vor sich hin, dann starrt er auf sein Handy – ein altes Modell. Nokia oder so etwas, das keiner mehr kennt.

Klick. Klack. Klick.

Und dann fängt er an zu flüstern, der kranke Paranoide in der Ecke meines Hirns: Kuck mal was der da macht. Will der mit dem Handy was auslösen? Ja? Was denn? Bombe? Mit Nägeln vielleicht? Oder Schrauben. Nein, natürlich nicht, ich sitze nur der allgemeinen Propaganda auf und sehe wie die Minister und Polizeichefs schon überall Hochhaussprenger sitzen. Aber mal ehrlich, was macht der da? Verdächtig ist das schon. Oder? Nicht? Nein. Ist es nicht. Er sitzt in der U-Bahn. Und betet. Ganz normal. Normal?

Klick. Klack. Klick.

Madrid. London. New York. Boston. Happy Tag der Deutschen Einheit allerseits. Dort hat auch keiner damit gerechnet, dass die … was die? Was? Sprich es doch aus. Dass die was in die Luft sprengen. Einen S-Bahn-Zug. Eine U-Bahn. Surprise: Du sitzt in einer U-Bahn. Du und der Imam. Allahu Akbar. Hast du Angst? Booom! War nur Spaß. Hier geht nichts hoch. Noch nicht. Er betet nur. Vielleicht zum letzten Mal. Abschiedsbeten. Ja, bestimmt. Du sitzt der Propaganda auf. Du Opfer. Demagogieopfer. Ich doch nicht.

Klick. Klack. Klick.

Warum schaut der dauernd auf sein Handy? Zählt da was runter? Ja? Zählt das was? Muss er da was auslösen? Warum hier? Ja, warum eigentlich? Du sitzt hier ganz alleine mit ihm, das lohnt sich doch gar nicht. Wie viele Tote waren es eigentlich in Madrid? 150? 160? Mehr? Ich googel mal. 191. DAS lohnt sich. Wer bist du denn? Du lohnst nicht. Du bist nicht mal berühmt. Dafür macht der den Sprengstoffgürtel nicht scharf. Der hat keinen Sprengstoffgürtel. Der schaut nur auf sein Handy und betet dabei. Ist doch normal. Vielleicht ist da eine Sure auf dem Display, wer weiß das schon. Ist das eigentlich dein Herz, das da so…?

Klick. Klack. Klick.

Und dann dieses gehäkelte Mützchen. Hatte so eines nicht auch Bin Laden…? Und der Bart. Hat nicht auch Al Sawahiri…? Du weißt schon, dass das Vorurteile sind? Racial Profiling. Oder doch nur Angst. Angst? Hast du Angst? Du hast Angst. Boom! Geht ganz schnell. Tut gar nicht weh. Merkst du gar nicht. Paradies. 99 Jungfrauen. Oder 79? Schnell mal googeln. Es sind 72. 72 Jungfrauen. Die kriegst aber nicht du, sondern der, wenn er gleich zündet. Nicht.

Klick. Klack. Klick.

Ich bin vorurteilsfrei. Aufgeklärt. Selbstverständlich. Bin ich. Bin ich nicht. Ich werde nervös. Ich werde nicht nervös. Ich denke darüber nach, nicht nervös zu werden. Ich weise mich zurecht, nicht nervös zu werden. Ich sitze der Propaganda nicht auf. Sitze nicht auf. Ich doch nicht. Mich kriegen sie nicht dran. Bin nicht nervös. Rede mir ein, dass ich nicht nervös bin. Ich nicht. Ich doch nicht.

Schwach.

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