Admiral, das Piratenschiff hat sich selber versenkt!

Aus heutiger Sicht erscheint es mir unvorstellbar, dass ich vor ein paar Jahren ernsthaft in Erwägung gezogen habe, in die Piratenpartei einzutreten.

Dabei bin ich vorgeschädigt: Ich wurde in jungen Jahren einmal von einem Klassenkameraden zu Veranstaltungen der Jungen Union genötigt. Vielleicht gab es eine Prämie pro eingefangenem Neumitglied oder so, aber der ließ nicht locker, bis ich endlich mal mitkam.

Dort irgendwo in einer Schmargendorfer Schnöselschule saß dann die gepuderte Geldadeljugend mit Siegelring und Seitenscheitel in Anzug und Schlips vor Exponenten der Westberliner Filzschickeria wie Klaus-Rüdiger Landowsky und Dankward Buwitt und lauschte ergeben rhetorischen Kotwürsten wie der Förderung von mehr Selbstverantwortung für Arbeitslose (= die Stütze muss weg) und der Warnung vor der kommunistischen Gefahr aus dem Osten (die Socken, rot).

Ich kann mich erinnern, dass ich sie nicht mochte, diese Söhne von Anwälten, diese Söhne von Zahnärzten, Direktoren, Oberräten. Widerliche Claqueure. Und keine Töchter zu sehen. Die buken wahrscheinlich Weihnachtsplätzchen oder lackierten sich am Pool die Nägel.

Dann geschah lange nichts. Politische Parteien und ich, das war wie der irre Müllzettelnazi in meiner Nachbarschaft, der Mülltrennen liebt, und ich. Man will mich missionieren. Ich will aber nicht.

Und dann kamen die Piraten – jung, fresh, urban. Und cool. Extrem cool.

Netzneutralität. Datenschutz. Bürgerrechte. Freier Öffentlicher Nahverkehr. Privatisierung von Religion. Post-Gender. Marina Weisband. Frischer Wind. Ein neuer Politikstil sollte es sein.

Saucool. Das ist meins. Das trifft es. Endlich sagt mal jemand, was ich denke und den kann man auch noch wählen. Ich mach‘ da mit. Oder doch nicht? Doch, komm, positionier‘ dich mal, mach mit. Aber Partei? Ja, die sind cool. Ich weiß nicht. Doch, mach, cool. Ach, ich warte noch und schau mir an, wohin das geht.

2011. Die Piratenpartei zieht als Fraktion in das Abgeordnetenhaus von Berlin ein. Ich habe sie nicht gewählt, denn ich habe niemanden gewählt, aber ich habe mich gefreut, als sie reingekommen sind. Cool. So cool.

Kurz danach habe ich sogar das Eintrittsformular in die Browserfavoriten gespeichert. Ich war mir sehr sicher, dass ich es ausfüllen und abschicken werde, es war nur die Frage, wann das sein wird, wann ich über meinen Schatten springen werde, wann ich den Schritt machen werde, den ich eigentlich nie machen wollte.

Dann kam Ponader. Und danach die ersten Vetternwirtschaftsmeldungen über die Fraktion im Abgeordnetenhaus. Dann haben sie die Basismitbestimmung gekippt. Und überall poppten Irre auf: Antisemiten, Esoteriker, Ufologen, Aluhüte.

Zuletzt wurde die Partei, die sich als „Post-Gender“ verstand, auch noch von Feministen mit einem Geschlechterkrieg überzogen und auf die ideologische Linie der Grünen gebracht. Selbst in den Internetmedien, in denen die Piratenpartei Einfluss hat, ging es über Monate um nichts anderes mehr als um Frauenrechte, Gleichstellung, das Patriarchat an sich und wie schlimm der Mann als solcher ist – also alle diese Allgemeinplätze, mit denen man heutzutage schon Grundschüler beglückt und die jede andere etablierte Partei auch in ihrem Repertoire hat.

Von der eigentlichen Kernkompetenz war selbst auf dem Zenit der NSA-Affäre kaum mehr etwas zu bemerken. Die Piraten fanden nicht statt, schon gar nicht in der sog. „Mainstream-Öffentlichkeit“. Denn in ihrem eigentlich Lebensraum, dem Internet, haben sie sich lieber selbst zerfleischt. Twitter. Blogs. Gegenblogs. Stellungnahmen. Popcornpiraten. Hass. Zwietracht. Mobbing. Das taugte eine gewisse Zeit als Backpfeifenvorlage für die Boulevardpresse von Spiegel bis Bild, aber dann nutzte sich das ab und man hat die Chaotentruppe zuletzt einfach nur noch ignoriert.

Und das war richtig so, denn: Die Piratenpartei ist zur Désirée Nick der Politik geworden. Wer die Piraten in den Jahren 2012 und 2013 im Internet verfolgt hat, der musste sich mit Grausen abwenden: Shitstorms wegen Nichtigkeiten, Schlammschlachten, Hassausbrüche, öffentliche Demütigungen, Intrigen, Dilettantismus, Kindergarten. Ein Elend. Ein Trauerspiel. Gibst du mir mal die Fernbedienung? Ich will das ausmachen.

Am Ende steht nun eine Partei, die einen Großteil ihrer Enthusiasten verloren hat (die Anzahl der Blogposts mit dem Thema „Warum ich aus der Piratenpartei ausgetreten bin“ könnten wahrscheinlich inzwischen ein Buch vollmachen) und in der die Grabenkämpfer immer noch ausharren, um auch mit den letzten Resten motivierter Mitglieder den Boden aufzuwischen.

Der Bürger sanktioniert das derweil so schonungslos wie er kann: Auf dem Deckel stehen nun lausige 2,2% bei einer Bundestagswahl mit einer lausigen Wahlbeteiligung, in der selbst die Opas von der AfD und die Nichtsnutze der FDP fast über 5% gekommen wären.

Ich glaube, dass das kleine Zeitfenster, in der die junge Bewegung etwas ganz Großes hätte werden können, vorbei ist und nicht wiederkommen wird. Zu viele fähige Mitglieder sind ausgetreten und die, die übrig sind, werden sich das Stahlbad, in dieser Partei Zeit und Nerven zu lassen, kaum antun wollen.

Und draußen im echten Leben außerhalb der digitalen Filterblase herrscht sowieso der Überdruß: Der Bürger kann diese Figuren einfach nicht mehr sehen und diese persönliche Abneigung wiegt viel schwerer als wenn dem Bürger einfach nur das Programm nicht gefällt. Nein, das ist es nicht, das Programm ist super, die Idee auch. 13% in den bundesweiten Umfragen 2011 haben gezeigt, dass das Potenzial da ist. Netzpolitik ist nicht tot. Nur die, die sie in den politischen Prozess hätten einbringen sollen, haben sich selbst versenkt.

Denn auch wenn nun hin und her analysiert und sich mit Sicherheit grundlegend selbst belogen werden wird, ist der Grund für das vernichtende Wahlergebnis der Piratenpartei ganz profan: Der Bürger kann diese Skandalnudel einfach nicht mehr sehen. Sie nervt nur noch.

Eine Skandalnudel taugt immer nur eine gewisse Zeit zur Unterhaltung, sie wird den Boulevard hoch und wieder runter gejagt, darf sich in ein paar Talkshows mit den alten Platzhirschen aus dem Öffentlich-Rechtlichen Gebührenfernsehen anlegen und wenn sie fertig durchgenudelt ist, darf sie wieder gehen.

Die Piratenpartei ist durchgenudelt. Jetzt darf sie gehen.

Ich finde dieses Ende sehr schade und ich glaube, dass der Verlust gar nicht hoch genug zu beziffern ist. Sie wollten es anders machen. Ganz anders. Die Piratenpartei war für mich mal der Frodo der Politik. Ein kleiner Sympath, unsicher, aber lieb, der es besser kann als die Elben, deren Zeit vorbei schien, und der die Orks das Fürchten lehrt.

Und nun haben sie nicht mehr erreicht als ein Klima zu schaffen wie man es in keinem Haifischbecken haben möchte. Ich stelle es mir genau so bei der FDP vor. Nur reicher.

Traurig aber wahr, mir geht es wie vielen: Ich möchte das nicht mehr sehen. Schuldigkeit getan. Kann gehen. Und so weiter.

Und das Lesezeichen in den Browserfavoriten?

Habe ich gerade gelöscht.

 

 

img_20190116_2128194830293245704306769.jpg