Köln-Ehrenfeld und Köln sowieso

Ich habe eine Übernachtung gebucht. In Köln-Ehrenfeld. Schon viel von diesem Ort gehört. Meistens schreit eine eklige Zeitung mit großen Buchstaben von siffigen Zeitungsständern: Ausländer! Kriminell! Moschee! Furchtbar! Sie werden uns alle demographisch wegficken! Und an jeder Straßenecke bärtige Ayatollahs!

Nix is. Nett hier. Das Neukölln-Syndrom: Verhasst. Verspottet. Gedisst. Aber gar nicht schlimm. Sondern schön bunt.

Wenn man aus Berlin nach Köln kommt, muss man zuerst die Psychopathenmaske ablegen, weil man sie hier nicht braucht. Die sind alle so nett hier.

Wenn in Berlin jemand nett ist, dann will er etwas von mir haben. Normalerweise Geld. Eigentlich immer Geld. Wenn in Berlin jemand nett zu mir ist, ohne direkt Geld zu wollen, dann führt er etwas anderes im Schilde. Was, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall zu meinem Nachteil und seinem Vorteil. Wahrscheinlich Geld über Umwege. Abofalle. Gewinnspiele. Adresssammler. Promotionstresser. Provisionsjäger. Größte Vorsicht ist angebracht. Immer. Berlin – draußen ist feindlich.

Man merkt erst wieder in Städten wie Köln, was für ein Psychopath man im Laufe der Jahre geworden ist, weil alle anderen dort, wo man herkommt, auch Psychopathen sind, vor denen man sich am besten schützt, in dem man entweder auch Psychopath wird oder zumindest so tut als ob. Also übt man den irren Psychopathenblick: Finger weg, ich bin gefährlich. Besoffener Stinker, fass mich an und du bist tot. Pub-Crawl-Tourist, der du meinen Hauseingang vollpisst und mein Kind im Fahrradpulk vom Bordstein fegst, sprich mich an und ich weide dich aus. Und du, schlechtes Gangsterimitatorkind aus Wedding, überleg dir lieber zweimal, ob du mich absichtlich anrempelst. Nasenbruch oder Kieferfraktur – du kannst es dir aussuchen. Berlin. So ist das hier.

Dann Köln. Ich bin mit kleinem Kind an der Hand unterwegs. In Berlin interessiert das keine Sau. Mein Kind könnte auf dem Boden der Straßenbahn Hautblasen werfen und Blut kotzen, es würde keinen jucken. In Köln stehen gleich drei Leute auf einmal auf, sobald ich einsteige: „Woll’n Sie den Platz haben? Für das Kind?“ Und prompt läuft das Psychopathenprogramm ab: What? Da stimmt doch was nicht. Was will der? Der führt doch was im Schilde. Ist der Sitz kaputt und gleich kracht alles runter? Zu Belustigung der ganzen Bahn? Oder kommt der so besser an meinen Geldbeutel ran? Will der am Ende irgendwas von meinem Kind?

Nein, der ist einfach nur nett. Das ist schwer zu verdauen. Ich bin aus Berlin. Der Stadt, in der „Fafatzdadufotze“ fast schon als nette Geste gilt, denn immerhin blutet man nicht.

Köln ist toll. Das Unglaublichste von allem: Fahrradfahrer fahren hier auf der Straße oder auf dem Radweg und nicht im Hochgeschwindigkeits-Slalom auf dem Bürgersteig Millimeter an den Passanten vorbei. Ernsthaft. Ich dachte zunächst an eine Halluzination. LSD im Trinkwasser oder so. Aber es ist real.

Trotzdem läuft auch hier wieder das Psychopathenprogramm: Mitten auf dem Zebrastreifen bleibe ich stehen, um den obligatorischen Radfahrer vorbeizulassen, wie ich es von Berlin gewohnt bin. Doch der hält an und winkt mich durch. Was will der? Warten bis ich in seine Ideallinie trete, um mich dann über den Haufen zu fahren? Oder hat der es mit Anlauf auf das Kind abgesehen? Da stimmt doch was nicht. Was hat der vor?

Nein. Der ist einfach nur nett!

Köln ist toll.

Und in Ehrenfeld stehen auch keine bärtigen Ayatollahs in den Ecken rum und spielen mit den Zeitzündern für die Sprengstoffgürtel. Nirgendwo. Keine Ahnung, was die Idiotenzeitung und der schielende Bestsellerautor mit der Rotzbremse für Phantome herbeifantasieren.

Aber eine schöne neue Moschee haben sie da. Ich glaube, es ist die Zweitgrößte in Deutschland. Jetzt hat Köln noch eine zweite Sehenswürdigkeit nach dem Dom. Ich finde das gut. Auch wenn ich den grauen Beton lieber weiß angestrichen gesehen hätte.

Für den Berliner sind in Köln abgesehen von der ungewohnten Freundlichkeit der Menschen noch weitere Dinge sehr merkwürdig. Zum Beispiel funktioniert der öffentliche Personennahverkehr. Keine Polizeieinsätze, keine Weichenstörungen, keine Zugschäden, keine Ersatzverkehre, keine ständigen Bitten um Verständnis. Die Bahnen fahren einfach. Immer. Völlig skurril.

Manche Namen in Köln sind auch merkwürdig.

Vielleicht heiratet die bald einen Herrn Feucht-Durch, dann können sie gemeinsam zum Feucht-Durchwischen … Haha. Nicht witzig.

In Köln gibt es auch eine Schönhauser – wie in Prenzlauer Berg, nur ohne Bio-Schnösel, Yoga-Jünger und verzogene Zwerge. Toll, ich mag Köln.

Nur eine Berliner Spezialität hat man auch hier in Köln verwirklicht:  Man hat um den Rheinauhafen herum eine trostlose Townhousesiedlung in die Welt erbrochen. Steril wie ein Operationssaal und lebenslustig wie eine Pathologie. Keine Menschen, nur Glas und glatte Flächen. Kein Leben.

Herzlichen Glückwunsch. Ich habe einen Kaugummi an einen Laternenmast geklebt und der Wachschutz hat es nicht gesehen. Ein bisschen Revolte muss sein.

Köln! Leider hat es drei Tage gedauert, die Hauptstadt-Psychopathenattitüde abzulegen. Nächstes Mal bin ich schneller. Ja. Toll. Eine freundliche Stadt habt ihr da.

 

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