Kulleraugenfolter

Symbolbild

Ich bin Ausbilder und seit vielen Jahren kommt es immer wieder, das Quartett aus dem Fundus einfallsloser Azubis: Kulleraugen. Piepsstimme. Hemmungsloses Geschleime. Dicke Dekolletés.

Bei mir funktionieren keine Kulleraugen. Sorry. Auch keine Piepsstimme. Komplimente bringen es auch nicht. Und auf dicke Brüste in tiefhängenden Dekolletés, die mir in die Sonne gehängt werden, starre ich aus Prinzip nicht. Und auf kleine auch nicht. Ich schaue da nicht hin und das irritiert überraschenderweise so sehr, dass sie um so penetranter in die Sonne gehängt werden, je mehr ich sie ignoriere.

Die neue Azubi ist da. Sie macht hier Station und bekommt nach zwei Monaten eine gesamtnotenrelevante Zensur von mir.

Ich finde es immer wieder interessant, wie wacker sich der Glaube hält, dass das offensive Einsetzen des billigsten aller Weibchenschemas bei mir Punkte bringt. Wahrscheinlich sehe ich irgendeinem Mallotzeproll ähnlich, der bei RTL 2 immer live von der Schinkenstraße berichtet und in jeden Ausschnitt sabbert, der ihm vor die solariumsgebräunte Visage gehalten wird.

„Herr Stevenson, für einen Job wie Ihren muss man sicher eine ganze Menge Erfahrung haben.“ Kuller Kuller Bling Bling. Das Dekolleté wackelt so heftig, dass ich Angst habe, dass die quietschbunten Plastikfingernägel ob der Erschütterung auf meine Stulle fallen.

„Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich später gerne in Ihrem Bereich arbeiten. Das klingt alles totaaaaaal spannend.“ Bling Bling Kuller Kuller. Die Brüste machen Kapriolen im viel zu engen Trägerteil. Nicht hinschauen. Wenn du da einmal hinschaust, dann hat sie dich. Und wenn das Jabba, die Frauenbeauftragte, sieht, dann zieht sie dir die Eier lang und wedelt mit der Heckenschere. Denn sexuelle Belästigung ist es nicht, mir die Dinger direkt vor die Augen zu hängen, sondern erst dann, wenn ich endlich doch einmal drauf schaue.

Es kostet eine Menge Kraft, sich dem entgegenzustellen. Mich macht es müde, als Mann unter dem Generalverdacht zu stehen, so etwas zu mögen, obwohl ich wetten könnte, dass es den meisten Männern unangenehm ist. Ich mag es auch nicht. Es ist offensiv, anmaßend, belästigend und es beleidigt mich, wenn man glaubt, dass das Wackeln mit den sekundären Geschlechtsmerkmalen Einfluss auf meine Notengebung haben könnte. Nein, hat es leider nicht. Ich habe schon so viele Brüste in meinem Leben gesehen, die meisten davon schöner als diese hier, ich muss im Anschluss nicht auf die Toilette, um Fünf gegen Einen zu spielen.

Ich versuche ja immer, den Azubis Selbstbewusstsein mitzugeben, sich nicht zu billig zu verkaufen, durch Können zu überzeugen und nicht durch Blendwerk. Doch das klappt nur selten. Das klappt eigentlich fast nie. Sie kommen entweder als geprügelter Hund, devot bis unter die Teppichkante, oder als Blender, die gelernt haben, dass man mit dem Blenden durchkommt. Und genauso gehen sie wieder. Ich krieg‘ das in der Zeit, die mir zur Verfügung steht, nicht raus.

Und so grinst sie auch Wochen später noch lasziv vom Kopierer rüber, als rechne sie damit, dass ich sie am liebsten gleich über selbigen legen und von hinten nehmen würde, die Oberteile werden von Tag zu Tag knapper, die Röcke kürzer und die Komplimente dümmer. „Das ist ein schönes Hemd, das Sie da tragen. Können Sie gerne öfter tragen. Sie machen Sport, oder?“

Seufz. Gibt es im Zwischenzeugnis eine Teilnote für Fresse halten? Nein? Warum eigentlich nicht?

Machen kann man da nichts. Die kommen immer wieder, mit den immergleichen Methoden. Man kann da nur die Zeit absitzen, bis die Plage wieder in die Berufsschule muss und man wieder für eine Weile Ruhe hat.

Wichtig ist es, in jeder Situation cool und professionell zu bleiben. Kein Flirten. Keine Komplimente. Keine Reaktion. Und vor allem kein Blick auf ein Bein, auf einen Arsch oder in den Ausschnitt. Das klingt übel katholisch, muss aber sein, um die professionelle Distanz zu wahren, die notwendig ist, um ein guter Ausbilder zu sein.

Doch manchmal geht es nicht. Manchmal hilft Ignorieren nicht mehr.

Last Exit: Bauchfrei. Mit Marzahn-Hellersdorfer Prolettenpiercing im Bauchnabel. Und Flip Flops. Im Büro. So, jetzt reicht’s:

„Hören Sie, Sie gehen jetzt nach Hause und ziehen sich etwas an.“

„Sie meinen, ich ziehe mir etwas anderes an.“

„Nein, Sie ziehen sich etwas an.“

Die Teilnote in „Außendarstellung“ hat ihr dann leider den Schnitt versaut. Wie schade.


1559195772991929555331264679774-11796574242704199293.jpg