Bei den Hertha-Proletenfangesichtsfünfen

Hertha hat am Wochenende verloren. Gegen Stuttgart. Zuhause. Und das kann der Hertha-Fan nicht leiden. Dann wird er ausfällig.

Denn der Hertha-Fan empfindet es als persönliche Beleidigung, wenn Hertha verliert, so als hätte Hertha das absichtlich gemacht, um ihn, ausgerechnet ihn, immer ihn, zu ärgern. Dabei ist er ja so treu, rülpst sich für den Verein die Seele aus dem Leib und will dem Scheiß Schiedsrichter ans Leder, weil der immer, aber auch wirklich immer gegen Hertha pfeift. Hertha muss das meistgehasste Team der Liga sein. Der Hertha-Fan hat die ganze Welt gegen sich: Den Gegner, den DFB, den Schiri, die Linienrichter, den eigenen Vorstand, Michael Preetz, den Rasenzustand, das Wetter und wahrscheinlich auch den Papst.

Ach ja, und die eigenen Spieler natürlich auch. Weil die ja absichtlich schlecht spielen.

„Ihr seid Schwaben, asoziale Schwaben, schlafen unter Brücken oder in der Bahnhofsmission“ singen sie grammatikalisch etwas unsicher. Das ist bizarr und strenggenommen eine Umkehrung der Umstände. In Schwaben gibt es (ich kann das von hier nicht genau beurteilen, aber ich vermute es) wahrscheinlich weder Arbeits- noch Obdachlosigkeit. Oder ganz wenig davon. Im Gegensatz zur Hauptstadt der Stütze, die hier im Stadion wieder einmal besonders abstoßend ihre substanzlose Großkotzigkeit in die Welt kotet.

Dann steht es 0:1. Stuttgart hat ein Tor geschossen. Ein Konter. Standardsituation. Souverän verwandelt. Jetzt schäumt der Hertha-Fan. „Fotzeeeeeeeen!“ brüllt er. „Asoziale Schwabenfotzeeeeeeeeen!“ dann als Steigerung hinterher. Vielleicht fühlt sich Ronny jetzt motiviert, mal ein Tor zu schießen. Oder auch nicht, weil der Ronny das Gekläffe von den Rängen gar nicht hört, sondern nur ich, der ich mich frage, ob es bei Hertha jetzt bald auch einen Rocko, einen Maik (nur echt mit ai) und einen Enrico geben wird, jetzt wo mit Ronny der Anfang gemacht ist.

Allein Hertha kriegt das Ding nicht rein, was dazu führt, dass die Stimmung in den letzten 10 Minuten vor dem Abpfiff endgültig kippt. „Schwuuuuuler Schwuuuuuuuler VfB!“ „Wir wollen keine Schwabenschweine!“. Und irgendwas mit „Spätzlekanacken“, die man nicht mehr will. Seriously.

Ein Herthaspieler fällt hin. „Schiedsrichterfotzeeeeee! Elfmeteeeeeeeeer!“, „Das gibt’s doch nicht. Drecksschwabenwichser! Immer gegen Hertha!“ und so weiter klammern sie sich an den letzten Strohhalm – einen Strafstoß, der wenigstens das 1:1 bringen soll, wenn es schon mit einem normalen Tor nicht klappt.

Doch der kommt nicht. Hertha verliert. Es bleibt beim 0:1.

Beim Verlassen des Blocks gibt es natürlich Tumulte. 0:1. Eine Frechheit. Eine Zumutung. Immer gegen Hertha. Jetzt bricht Aggression Bahn. Ich kriege einen Ellenbogen in den Nacken „Ick muss hier duuuuuuurch!“ brüllt der Irre, stützt sich auf mir ab und will offenbar über mich rübersteigen. Noch einen Ellenbogen in die Rippen, einen in die Nieren. Ich laufe ungerührt weiter und spanne den Körper an – noch einen Ellenbogen und er hat meinen im Gesicht. Doch der kommt nicht, denn ein anderer stößt ihn weg und sie schreien sich an. Mit dem Zauberwort des Tages: „Fotzeeeeeeeee!“

Zack. Bum. Peng. Die Luft ist latent gewaltschwanger. Draußen macht keiner mehr Platz, jetzt rempeln sie alle weg, die in ihrem Weg stehen. Muss ja raus, der Frust. Sie haben verloren. Man hat sie verlieren lassen. Um sie zu ärgern. Immer sie. Immer geht es gegen sie. Die ganze Welt und so. Da müssen sie sich doch wehren. Zack. Schulter gegen Schulter. Wer ausweicht, verliert.

Ich fahre heute keine U-Bahn, sondern kaufe bei der Dönerbutze in gesunder Entfernung zum Stadion ein vernünftiges Bier und laufe in Ruhe durch die Nacht zum Kaiserdamm. Von da fährt die Ringbahn. Mir reicht es, wenn ich sie später nur noch in kleineren Gruppen und nicht in tumber Masse in der Bahn sehen und vor allem riechen muss, die Gesichtsfünfen und ihren bierseligen Bratwurst-mit-Senf-Maulgünther, mit dem die abgestandenen Reste des furchtbar schlechten Stadion-Warsteiners aus dem Hals modern, wenn sie ihren Frust in die Bahn koddern, weil sie ein Spiel nicht als das sehen können, was es ist: Ein Spiel. Nicht das Leben. Nur ein Spiel.

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