Nein danke, ich wähle euch nicht


„Wenn ein so gewaltiger Lebensbereich wie die Wirtschaft, die noch dazu viele weitere Lebensbereiche tyrannisch bestimmt, der gesellschaftlichen Gestaltungskraft entzogen wird, ist auch die Demokratie sinnlos. Eine Demokratie, die sich darauf beschränkt, Rauchverbote in Gaststätten zu erlassen oder die Helmpflicht von Radfahrern zu diskutieren, also dem gegenseitigen Gängelungsverhalten der Bürger nachzugeben, aber die eine große Macht, die alle gängelt, nicht beherrschen kann, ist das Papier nicht wert, auf dem ihre Verfassung gedruckt wird.“
Die Zeit

Seit Wochen grinsen sie wieder von den Plakaten, die Darsteller, und wollen gewählt werden, auf dass sie an die Tröge rankommen, an die fetten Töpfe, die Aufwandsentschädigungen, die Sitzungsgelder, steuerfreien Kostenpauschalen, die Fraktionszulagen, Dienstwagen, Pensionsberechtigungen, Aufsichtsratsposten, freien Eintritte, Vergünstigungen, Häppchen und Schnittchen bei Lobbyisten, Freibier hier, Freitickets da.

Doch ich wähle sie nicht, die Grinser, die jetzt wieder vier Jahre lang weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit auf einer Hinterbank ihre Zeit absitzen werden, Häppchen verdrückend, Sektgläschen schwingend, Bussi hier, Bussi da, hier Daimler, da RWE und immer wieder eine Bank, die sich ein Mietmaul aus der Politik fürs Renommee mietet, derweil sie alle im Fraktionszwang mit der Herde in der Stromlinie abstimmen und ihre Politbürovorsitzenden mit 99% der Stimmen wählen, so dass man auch ein paar Erdmännchen aus dem Tierpark oder diese neuartigen Roboter, die staubsaugen, Betten machen und bestimmt auch die Hand heben können, dort auf die Sessel setzen könnte und es würde im Ergebnis keinen Unterschied machen.

Es wäre ja alles nicht so schlimm und würde mich auch gar nicht stören, würden sie das alles endlich komplett unter sich ausmachen und die Sitze meinetwegen auswürfeln oder von mir aus auch beim Texas Hold’em ausspielen, dann würde nicht alle vier Jahre das Stadtbild so sehr unter diesen ganzen von Photoshop entstellten Karikaturen all dieser Menschen leiden, die ums Verrecken keinen ehrbaren Beruf ausüben wollen und der zunehmend desinteressierten Öffentlichkeit mit ihren auch nach dem fünften Weichzeichnen immer noch nicht sehr ansehnlichen Gesichtern jeden einzelnen Tag versauen – mit einem Grinsen so falsch wie der Doktortitel.

Das Schlimme ist ja, dass sie mittlerweile gar keine Aussagen mehr auf die Plakate drucken, von denen sie dann nach Wahl nichts mehr wissen wollen, nein, sie verbreiten nur noch Plattitüden, Allgemeinplätze und Banalitäten: „Gerechtigkeit ist Chancengleichheit“, „Wachstum braucht Weitblick“, „Gemeinsam erfolgreich“, „Nachts ist es dunkel“, „Unter der Dusche ist es nass“.

Was soll das denn? Seid doch ausnahmsweise mal ehrlich, schreibt was ihr denkt, schreibt: „Ich will anstrengungslosen Wohlstand für mich und die Meinen“, „Ausgesorgt – und Spaß dabei“, „Spätrömische Dekadenz – nur mit mir“. Oder meinetwegen auch nur „Euer Fleiß kotzt mich an“. Aber nein, nichts, ich soll nur Fratzen wählen. Kein Inhalt, kein Sinn, nur Fratzen.

Nein, tue ich nicht. Ich will nicht, ich wähle euch nicht, ich spiele nicht mehr mit, ich bin satt, überdrüssig, angewidert. Ich kann nicht einmal meinem Kind vernünftig erklären, wofür man euch eigentlich wählen soll, ohne mit der Pflichtkeule zu argumentieren, mit der man mich ja selber dauernd traktiert. Es geht nicht. Ich will nicht. Ich kann das nicht mehr machen.

Das schöne Gebäude, die schicken Büros, in denen ihr von den Steuergeldern, die ich mit den anderen armen Irren erarbeite, residiert, schaue ich mir gerne an, ehrlich, ich bewundere das gern, Flachbild hier, Macbook da, iPad, Pod, Pit, alles aus den unendlichen Steuern.

Und ich steh‘ da oben staunend in der Glaskuppel herum, schaue auf euren Spielplatz und beschmutze mit meinen ausgelatschten Chucks euren blöden roten Teppich vor Feinkost Käfer, auf dem ihr immer so gerne für die Kameras posiert und den Leuten, die euch immer noch wählen, mit dem Piccologläschen zuprostet.

Für euch soll ich mich also an einem Sonntag aus dem warmen Bett in eine heruntergekommene Grundschule quälen, von der die Perspektivlosigkeit der prekären Kinder, deren Familien sich nie eine eurer Privatschulen werden leisten können, von den speckigen Fassaden auf den heruntergefallenen Haufen Putz tropft? Nur damit ihr künftig nicht mehr arbeiten müsst? Nein. Ihr findet sicher andere, die da mitmachen, die immer noch glauben, sie seien der Souverän und bestimmen irgendwie mit, diejenigen, die von staatsbürgerlicher Pflicht faseln, aber kein Problem damit haben, dass ihr mit allen euren Zulagen und Vergünstigungen das Zehnfache einer durchschnittlichen vollzeitarbeitenden alleinerziehenden Mutter einstreicht und den Banken das Geld, das ihr euch vorher von ihnen leihen müsst, als Rettungsmaßnahme verklärt zurück in den nie satt werdenden Gierschlund schmeißt.

Nein, bitte, genug, ich verlange nicht, dass ihr euch schämt, das ganze Theater sein lasst oder einfach mal den Menschen da draußen helft, damit sie es ein wenig leichter haben, jene, die ihr jeden Tag wieder aufs Neue vorführt, verarscht und auf deren Kosten ihr lebt, nein, ich verlange das alles nicht. Da bin ich drüber weg, das juckt mich doch alles nicht mehr. Macht was ihr wollt. Jeder ist sich selbst der nächste, ihr auch, ich weiß das.

Nur eines wäre nett: Ich will euch nur nicht bei eurem Elend auch noch in unseren schönen Straßen rumhängen sehen müssen. Das ist eine Frage der Ästhetik und des Stils. Ich will euch einfach nicht mehr sehen müssen. Das ist kein schöner Anblick wie ihr verzweifelt versucht, so zu tun, als würde es einen Unterschied machen, welche Charaktermasken sich im Plenarsaal auf den Sesseln fläzen. Also lasst sie sein, die Farce. Es wird öde. Hört einfach damit auf. Damit wäre mir schon geholfen. Mehr will ich gar nicht mehr.

 

img_20190116_2128194830293245704306769.jpg