Endzeit in der letzten verratzten Ecke von Prenzlauer Berg

Da ist er, der erste Vorbote der Versnobung. Wenn erst einmal ein toskanisches Latte-Cafe aufmacht, dann gibt es kein Halten mehr: Toskanisches Latte-Cafe, Nagelstudio, Kunstgalerie, Neulandfleisch-Burgerbude, Kinderladen, Frozen Yoghurt, Trockenobst, Biosupermarkt, Salatbar, Boutiquen gelangweilter Hausmütterchen, Legoland-Fassaden, 12 verschiedene Mülltonnen für 12 verschiedene Dinge, zuletzt nach 22 Uhr Friedhofsruhe, sonst Polizei.

Früher war hier eine Schneiderei drin. Ein altes Ehepaar. Ich möchte glauben, dass sie aus Altersgründen aufgehört haben.

Jetzt sitzen auch hier Hipster in der Sonne. Die haarigen Beine breit. Schmieriges Grinsen. Budapester zu kurzer Hose. Sind wieder im Kommen, diese Junge-Union-Treter. Schiebermütze. Die auch. Junge Union meets Teddy Thälmann.

Und einer glotzt kuhäugig zwischen riesigen Kopfhörern hervor.

Jetzt sind sie hier und damit ist klar, dass die Welle der Aufwertung auch am letzten nördlichen und bisher völlig vernachlässigten Eck Prenzlauer Bergs angekommen ist. Danach kommt Pankow. Und dann Französisch-Buchholz. Zuletzt Buch. Und irgendwann gentrifiziert man sich in der Verzweiflung wahrscheinlich sogar nach Brandenburg. Spätestens dann muss der Normalverdiener nach Polen. Oder gleich in die Ukraine.

Angolo di Toscana heißt der Laden und macht kleine Vorspeisen und Pasta. Und Kaffee.

Ich bin nicht überzeugt.

Die Vorspeisen bewegen sich um die 5 bis 7 Euro und sind nur solide. Herausragend ist nur die Büffelmozzarella, die ich so gut selten bekommen habe. Leider liegt sie auf einer ziemlich banalen Salatmischung, die genauso aussieht wie meine Lieblingspackung vom Rewe – Sommersalatmischung mit Karottenraspeln für 1,79. Dressing ist kaum feststellbar. Balsamicocreme aus dem Regal neben dem Salat ist nicht nur möglich, sondern hinreichend wahrscheinlich. Schade.

Die Hauptspeisen sind ebenfalls zu gewöhnlich für den Anspruch und für die knapp 8 Euro. Es gibt Lokale, die servieren zu dem Preis handgefertigte Pasta. Hier gibt es Füsili und Farfalle aus einer Packung, die ich so auch beim Lidl kaufen kann ohne einen Unterschied zu merken, und das mit einer Soße, die sehr sparsam, aber dafür nicht intensiv genug daherkommt. Und drei kleine Salsicciabällchen sind etwa fünf zu wenig auf einem Pastateller. Schade.

Kannst du dich nicht auch mal freuen, Misanthrop?

Ja. Über den Service kann ich mich freuen. Herzlich, wider Erwarten nicht schnöselig, sympathisch, freundlich, einfach total nett. Auch der Kaffee ist sensationell und für den Kuchen würden manche töten.

Dennoch. Ehrlich. Da ist noch Luft nach oben. Ordentlich Luft. Wenn die Gentrifizierungswelle erst mal richtig über die Gegend hereinbricht und die ersten selbstgemachten Nudeln nebst gefüllten Gnocci hier aufschlagen, wird es eng. Echt eng. Richtig eng. Wär‘ sogar ein bisschen schade drum.


Angolo di Toscana
Kuglerstraße 31
Prenzlauer Berg
http://angoloditoscana-berlin.de/


 

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