Herr Moser und seine Weinschule

Herr Moser betreibt eine Weinschule.

Herr Moser ist ausgebildeter Koch und Sommelier.

Ich trinke gerne Wein.

Ich habe keine Ahnung von Wein.

Nie gehabt.

Ich bin der, der auf Parties immer dumm nickt und etwas zu bemüht versucht, wissend auszusehen, wenn andere mit ihrem angelesenen Wissen über Anbaugebiete, Hanglagen oder Sonneneinstrahlung prahlen und mit blasierter Miene das Etikett ihrer mitgebrachten Weinflasche wiederkäuen.

Ich bin der, der irgendwann gelernt hat, dass man bei einem schweren Rotwein aus Spanien (Pedrillo? Tempranillo? Sombrero? Egal) für über fünf Euro zumindest nicht viel falsch machen kann, wenn man wahllos Buzzwords wie Schokolade oder Brombeere in den Raum streut und dabei ein möglichst wichtiges Gesicht macht. Gleiches gilt für einen teuren Weißwein und Maracuja. Meinetwegen mit Apfelnote, wenn er ein wenig Säure hat.

Ich bin tatsächlich der, der überhaupt keine Ahnung hat, aber mit dem Mut der Verzweiflung versucht, langweilige Gespräche mit den langweiligsten Gästen dieser Erde auf noch langweiligeren Parties dieser Stadt eines generell sehr langweiligen Wochenendes in meinem Leben wenigstens ohne Blamage zu überstehen (interessante Erkenntnis dabei: Sich bei einer solchen Gelegenheit outende passionierte Weinschnösel sind meistens auch Golfspieler, worüber sie in der Regel im Anschluss an den unvermeidlichen Weinmonolog unweigerlich berichten. Der Zusammenhang sollte mal untersucht werden).

Herr Moser hat also Ahnung. Ich nicht. Das passt.

Meine Aufgabe ist es, in seinem urigen Keller dazusitzen, zuzuhören und zu trinken, Herrn Mosers Aufgabe ist es, sympathisch und kenntnisreich durch den Abend zu führen. Und das gelingt.

Aber Vorsicht, vor die Praxis im Keller hat Herr Moser die Theorie im Klassenzimmer oben gesetzt. Dort werden die Grundlagen der Kenntnisse gelehrt, auf deren Basis dann später die Flaschen geleert werden.

So gestaltet sich der Abend amüsant, kurzweilig und wird später unten im Keller immer fröhlicher. Sitznachbarn, mit denen man sich in nüchternen Zustand noch eisern angeschwiegen hat, zeigt man irgendwann Babyfotos und sogar der blasierte Weinschnösel gegenüber, der der Meinung ist, dass er immer alles besser weiß als der Herr Moser, lockert sich irgendwann ein und verzichtet später sogar darauf, bei jedem zweiten Satz sein Besserwissen dazwischen zu krähen, sondern beschränkt sich auf jeden vierten. Ein Fortschritt.

Herr Moser nimmt das alles sportlich, lacht viel, besticht mit seinem österreichischen Charme und führt mit Anekdoten aus seinem Leben, Details zu Anbaugebieten und Lagen, Herstellungsarten und Traditionen durch den gelungenen Abend, der irgendwann ein wenig aus der Form gerät, so dass Herr Moser sich schließlich nach Abschluss seiner Agenda mitten reinsetzt und die restlichen Flaschen mit austrinkt, wenn die Stimmung dazu einlädt.

Der weitere Verlauf eines solchen Abends zieht nach sich, dass ich all die vielen wertvollen Informationen doch wieder im Rausch vergesse, was nicht schlimm ist, weil ich dann einen Grund habe, wiederzukommen: „Herr Moser, ick hab‘ allet im Suff verjessen, bitte nochma von vorne dat Janze.“

Herr Moser hat auch mal Käse hergestellt und führt mit dem gleicher Kompetenz durch einen Käseabend, der ebenfalls rundweg gelingt und ebenso folgerichtig in fröhlicher Runde endet, weil jeder der vierzehn (fünfzehn? sechzehn? Vergessen…) Käsesorten der sieben (ha, gemerkt!) Käsefamilien von einem auf den Punkt passenden Wein begleitet wird.

Ja. Schön hier. Vernünftige Menschen betrinken sich mit zunehmendem Alter eben mit Stil und Contenance. So ist das und so muss das. Und das geht am besten bei Herrn Moser im Keller.

Danke. Gerne immer wieder.

Weinschule Berlin
Inselstraße 8a
Mitte

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