Im Sprengelkiez – Spaziergang

Der Sprengelkiez. Ich atme Wedding. Kneipenduft. Kippen. Bier. Kiff. Spritzen im Kies. Ein Literatengesicht trinkt ein Sternburger auf einer Kinderschaukel. Die Penner stehen an der Tischtennisplatte.

In Prenzlauer Berg hätte man schon längst eine Bürgerinitative gegründet, damit die Penner die Tischtennisplatte räumen und woanders hingehen. In den Wedding zum Beispiel. Oder dahin, wo der Pfeffer wächst.

Ich mag es hier. Ein bisschen wie Prenzlauer Berg vor 20 Jahren. Jung. Wild. Angenehm wild. Nicht mehr Anarchie, aber trotzdem schön. Ein Mittagessen kostet 5 Euro. Und davon wird ein Gerüstbauer satt. Ein Lichtenberger Gerüstbauer. Die Molle kommt mit 1,80 daher. Schulle. Schultheiss. Arbeiterbrühe. Der rote Wedding. Ich mag ihn sehr.

Doch es geht schon los. fritz-kola ist schon da. Und wo fritz-kola ist, ist die Kresse nicht weit. Und der Rucola. Und der Bagel. Vollkorn natürlich. Selbstgeschrotet.

Ja, wenn man genau hinsieht, bemerkt man die Anzeichen: Die ersten Latte-Cafés, der erste Bioladen, irgendjemand verkauft Bio-Farben. Zum Malen. Oder für den Ausdruckstanz. Oder so.

Der Sprengelkiez wird der Prenzlauer Berg des Weddings, unkt man schon. Es stimmt mich immer noch traurig, wenn mein eigener Kiez, in dem ich so lange schon wohne und den ich ganz anders kenne, nur noch als Negativmetapher für die zunehmende Unbewohnbarkeit für normalverdienende (und überhaupt normale ) Menschen taugt, weil seine Bewohner grotesk überzeichnete Karikaturen sind. Mittlerweile ist es auch peinlich, auf Parties zu sagen, dass man in Prenzlauer Berg wohnt. Die Lacher kommen immer. Schwabylon. Pregnant Hill. Happy Hippo Bionadeland. Danach die Schulterklopfer. Und kurz darauf bekommt man seine jämmerliche Nachbarschaft um die Ohren gehauen. Denn jeder kennt einen aus Prenzlauer Berg. Und es ist immer ein Snob.

Sprengelkiez. fritz-kola ist da. Mit fritz-kola fängt es an. Immer. Erst fritz-kola, dann Dachgeschoss. Natursteine. Vegane Schuhe. Dörrobst. Süddeutsche Zeitung. Handelsblatt. Auf dem iPad.

Steinbrück hat hier auch eine Wohnung. Gekauft. Damit demonstriert er Volksnähe. Der Millionär.

Aber passt ja. Denn die dicken Karren sind auch schon da, wobei die wahrscheinlich nicht den Eigenheimaufkäufern gehören (die fahren Hollandfahrrad auf den Bürgersteigen), sondern den örtlichen Koksvertickern. Die gibt es noch. Klar. Ist ja Wedding hier.

Immer noch.

Und wie mich das freut.

Wenn ich eines Tages aus Prenzlauer Berg rausfliege, mache ich rüber. Hierher. Aber wahrscheinlich sieht es bis dahin auch dort aus wie hier.

 

 

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