Am Kutschi: Scheintot – Scheintöter

Das „Einkaufszentrum“ Der Clou am Kutschi (so nennt der Westberliner Frontkämpfer seinen Kurt-Schumacher-Platz) ist so was von 70er obwohl es gar nicht in den 70ern eröffnet wurde.

Passend zum benachbarten Flughafen Tegel ist es klein, eng und beherbergt Geschäfte für Wilmersdorfer Witwen, die schon seit Dekaden die vergammelten Radieschen von unten anschauen – man sieht Juweliere, Pelzmäntel, eine Parfümerie und natürlich Tchibo, der hier aus Gründen der Konsequenz eigentlich immer noch Eduscho heißen müsste.

Und unten in der ranzigen Raucherkneipe „Clou-Corner“ sitzen zwei gelbhäutige Krebskandidaten herum und glotzen aus einer vergilbten Glasfront raus. „Türe muss geschlossen sein“ sagt das Schild. „Vorsicht, Löwe spritzt Urin“ würde ich gerne dazu schreiben.

Der ganze traurige Bau, an dessen Fassade sich schon das Moos entlang frisst, taugt eigentlich nur als Plattform zum Planespotten, weil die Flieger ein paar Meter weiter auf dem Rollfeld landen und vorher in geringer Höhe über den Clou fegen. Alle zwei Minuten. Fetter Event. Kuck mal, Kind, Papa hat noch einen Flieger gerufen. Ein Held!

Wenn TXL jedoch endlich dicht macht, war es das auch gewesen mit dem letzten Sinn des Clou.

Clou.

Au mann.

Der Clou.

Komm, ernsthaft, wer sagt heute noch Clou? Wissen die Jüngeren überhaupt noch, was das ist oder halten sie es für ein Exponat der Geheimsprache alter Zombies, die Begriffe verwenden wie fetzig, knorke, dufte, Fete oder Disco, immer noch in Nenas Achselhaare verknallt sind und unter der Dusche den ersten Chartstürmer (auch so ein absterbender Terminus aus der NDW-Wolke) von Kim Wilde vor sich hin summen? War es „View from a bridge“ oder „Kids in America“?

Der Clou schafft das Kunststück, an einem prominenten Ort wie der Kutschi einer ist, an dem andere gar nicht wissen würden, wohin mit der ganzen verdienten Kohle, vor lauter Kundenabsenz seit Jahren vor sich hin zu verwesen – dominiert und vorgeführt von den nahen Borsighallen, die in jeder Hinsicht demonstrieren, wie man selbst in einem Freiluft-Altersheim wie Tegel alles, aber auch wirklich alles richtig machen kann.

Und so ist der Clou nur der hirntote Komapatient, der immer noch irgendwie weitermacht, obwohl ihm jeder seit Jahren wünscht, dass es bald endlich vorbei sein möge, damit er sich nicht länger quälen muss.

Was haben wir noch hier? Einen Saturn, der nur noch dazu dient, sich ein Produkt in freier Wildbahn anzuschauen, bevor man es im Internet bei der nächstbesten Garagenbutze bestellt, Mobilfunkfirmen, ein Eiscafé, eine Pizzeria und Modegeschäfte, die keiner kennt und die seit Jahren an allen Trends vorbei auf ihren langweiligen Klamotten sitzenbleiben.

Symptomatisch für den Zustand des Clou und seiner unvergleichlich modrigen Aura aus vermufften Mauerzeiten ist die Existenz eines Pelzmoden-Geschäfts – mehr 70er geht einfach nicht, außer man verkauft zusätzlich noch diese orangen Telefone mit Wählscheibe und Tapeten mit braunem Rautenmuster.

Hörgeräte gibt es im Übrigen auch zu erwerben und siehe da: Der Laden hat Kundschaft. Also für mich ist ganz klar: Ein Markt ist da, es ist der für rüstige Rentner, und aus ihm besteht wohl auch die einzige Chance für den Clou: Ich würde, um vielleicht doch noch das Ruder herum zu reißen, hier aus einer Hand Rollatoren, Krückstöcke, orthopädische Schuhe und diese speckigen fleischfarbenen Strumpfhosen anbieten, die nur von Pensionärinnen jenseits der 70 – dem offensichtlichen Tegeler Durchschnittsalter – getragen werden.

Oder man macht gleich ein komplettes Altersheim draus und wird reich – viele würden den Unterschied zu heute gar nicht bemerken. Slogan: Der Clou – das fetzige Altersheim. Knorke und Dufte ohne Disco, dafür mit Achselhaaren und 99 Luftballons. Haha. Ha. H.

Und wer jetzt noch weiß, was ein Teekesselchen ist und wie man das Teekesselchen „Alt-Tegel“ am besten umschreiben kann, der gewinnt eine Langspielplatte von Barclay James Harvest oder eine Packung PEZ-Drops. Mit Piffi dem Hund als Spender. Palim Palim.

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