Vollkornvetteln

Wenn Sie in Prenzlauer Berg einmal alle Augen auf sich ziehen wollen, dann drücken Sie Ihrem kleinen Kind eine Dose Fanta in die Hand und laufen Sie die Schönhauser Allee runter. Wie? Dosen? Ja, die gibt es noch und zwar halblegal beim vietnamesischen Obstladen. Ecke Wisbyer. Hinten im Eck vom Kühlschrank. Da wo die perversen Litschisäfte mit der toxischen Zutatenliste in Schriftzeichen statt Buchstaben stehen. Geschmuggelt im Arsch von blinden Passagieren aus Hoang Hu und danach via Kanalisation weit nach Mitternacht aus dem Wedding nach Prenzlauer Berg verbracht, wenn hier die Bürgersteige schon seit Stunden hochgeklappt sind. Fanta in Dosen. Legal wie ein Leguan in einem Zehlendorfer Direktorenterrarium.

Weißblechdosen. Pfui Spinne! Und dann nicht mal naturtrüber Apfelsaft. Auch keine Yogitee. Oder wenigstens Combucha. Nein, Fanta. Das orange Gift. In der Hand von einem Kleinkind.Entsetzte Blicke. Alle. Ehrlich. Als wär‘ es Whisky Cola. Alte verhärmte Vetteln an den Außentischen vom veganen Vollkornkuchencafé schütteln die Sauerkrautfrisur und lassen eine Birkenstocklatsche wippen, während ihre Männer betreten zu Boden schauen, weil sie wissen, dass die Hyäne schon Witterung aufgenommen hat. Und tatsächlich: „Sie! Des könnä Sie net mache. Des Kind isch fui z’kloi für Fanda.“

Ich verstehe die Hälfte der Worte nicht, aber das ist egal. Das geht links rein und rechts raus. Wie immer. Ich höre sie sowieso gar nicht mehr, die Zurechtweisungen, wie sie es früher in ihrem Dorf gemacht haben. „Ihr Dochdo wor aber schbät z’aus geschdorn.“, „Sie hän die Woch no koi Kehrwoch g’macht.“, „Des Kind isch fui z’kloi für Fanda.“

Das ist nicht mehr Berlin hier. Das ist irgendeine Insel. Kleinkackhausen. In Hinterbirkenstockland. Ehrlich. Ich brauche keine NSA. Mich überwachen die Vetteln vom Vollkorncafé.


157517406013457372580990593912553320224064777377835.jpg