“Freiheit statt Angst” am 07.09.2013 in Berlin

Am 07.09. findet eine wichtige Demonstration statt. Freiheit statt Angst. Stoppt den Überwachungswahn. Da gehe ich hin. Weil es manchmal wichtig ist, physisch Position zu beziehen und nicht immer nur in die Tastatur zu meckern.

Eigentlich habe ich keinen Bock mehr auf so etwas. Ich war das letzte Mal 2011 auf einer Demo. Seitdem bin ich satt. Pappsatt. Occupy. Erinnert sich jemand dran? Occupy – eine Lehrstunde, wie Revolution auf Deutsch funktioniert.

Was hab‘ ich mich über Occupy gefreut. Endlich geht es los, dachte ich, endlich schauen die ganz normalen Bürger nicht mehr zu, wenn sich die asozialen Gierlappen an der Spitze der Bankentrusts mit Rückendeckung durch die gekaufte Politik die Taschen vollmachen und sich nie genug in ihren nimmersatten Gierschlund stecken können, während sich andere als 1-Euro-Jobbersklaven verdingen, sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag oder gleich von Praktikum zu Praktikum hangeln.Endlich geht es los, dachte ich, und dem normalen Bürger platzt der Arsch bei dem Gedanken daran, dass sich Einzelne an einem Allgemeingut wie Wasser bereichern und sich eine Gewinngarantie auf Kosten der Berliner Bürger in die Verträge schreiben lassen, die auf dieses Wasser angewiesen sind, zum Waschen, zum Trinken, zum Babymilch anrühren.

Endlich geht es los, dachte ich, endlich sind da noch andere, die der blanke Hass packt, wenn die Manager derjenigen Banken, die unser Steuergeld gefressen haben, sich die Boni erhöhen und dabei so tun, als hätten die horrenden Schulden der Staaten, gegen die sie zocken, überhaupt nichts mit der Bankenrettung zu tun.Wochenlang saß ich damals vor der Glotze und habe mich gefreut über die Proteste in New York, in Madrid, in Lissabon, in Mailand, in London, sonstwo. Und dann ging es in Deutschland endlich los und dann so deutsch wie es deutscher nicht sein kann.

Lenin wird das Zitat zugesprochen, dass eine Revolution in Deutschland niemals gelingen kann, denn bevor der Deutsche einen Bahnhof besetzt, kauft er erstmal eine Bahnsteigkarte. Daran musste ich denken, als ich in der Tagesschau Sprecher von Occupy in Frankfurt hören musste, die ins Mikrophon Sätze zum Besten gaben wie „Wir werden so lange hier vor der EZB bleiben wie das Ordnungsamt uns duldet.“, „Wir hoffen, dass wir auch für morgen vom Ordnungsamt eine Duldung für die Besetzung erhalten werden.“ Warum nicht gleich: „Wir versuchen, eine Bahnsteigkarte für die Besetzung zu bekommen, wissen aber noch nicht, ob wir sie erhalten werden.“

Das mit Occupy war genau diejenige effektive Befriedungstaktik, die auch bei Stuttgart 21 so prima funktioniert hat. Man norde einen Protest irgendwie ein, labert, quatscht, heuchelt, lässt die Querulanten ein bisschen an sich selber rumspielen und macht dann doch so weiter wie früher. Und wenn der Protest nicht mehr so explosiv ist, dann räumt man ihn ab. Zu dem Zeitpunkt regen sich dann nur noch die üblichen Verdächtigen auf, weil die Medienmeute schon zum nächsten Thema weiter gezogen ist und sich für zockende Banken heute schon keine Sau mehr interessiert.

Occupy ist Geschichte. Ausgetrocknet. Die Banken haben ein Stückchen Kreide gefressen und bieten prompt schon wieder maßgeschneiderte Investmentpakete für das Jugendweihegeld der Kinder an. Es hat funktioniert.

Aber was hacke ich auf Frankfurt rum? Frankfurt hat wenigstens sympathische Protagonisten und kluge Köpfe in den Zelten versammelt. Die große Berliner Occupy-Demo im Zenit der bundesweiten Proteste 2011, aus der eine Zeltstadt werden sollte, war dagegen zum Davonlaufen. Da stand ich am Alexanderplatz mitten in einem Häufchen grauhaariger Betonkopf-Kommunisten von der DKP, die ihre anachronistischen roten Lenin-Fahnen schwenkten, und kampfstiefelbewehrten Autonomen, die aussahen wie in einem Liverollenspiel kurz vor der Begegnung mit den Orks.
Dazwischen verteilten verbiesterte Politbürogesichter Flugblätter, die in verkopftem Deutsch zur Solidarität mit Kuba, mexikanischen Zapatisten oder Hugo Chavez aufriefen, und aus der Gruft schallte es: „Hoch die internationale Solidarität!“, „U-S-A! Internationale Völkermordzentrale!“.
Und sobald einmal die Polizei in einer Seitenstraße zu sehen war, fingen sie an zu hüpfen und sich zu freuen: „Haut ab! Haut ab!“

Es war wie immer. Demos in Berlin sind infantile Zeitverschwendung. Kinder provozieren Polizisten provozieren Kinder provozieren Polizisten. Bürgerprotest? Zivilgesellschaft? Nicht hier in Berlin. Was der Frankfurter mit seiner infantilen Angst vor dem Ordnungsamt zu viel hat, hat der Berliner zu wenig. Und umgekehrt. Man kennt wie immer in diesem Land kein Maß. Servil bis zur Selbstaufgabe oder sinnlos aggressiv. Dazwischen geht nicht.Ich bin dann gegangen, habe mitten Unter den Linden einen völlig überteuerten Protest-Latte Macchiato getrunken, ein Stück revolutionäre Sachertorte dazu gegessen, der traurigen Betonkopf-Demo von meinem Ledersessel aus zugeschaut und ein weiteres Kreuzchen auf meiner geistigen Desillusionierungs-Liste gemacht.

Das Letzte, was schließlich von Occupy Berlin übrig blieb, waren ein paar Zelte irgendwo am Arsch von Kreuzberg, in denen ein paar Esoteriker gegenseitig ihre Chakren reinigten.

Aber dennoch … ich werde es noch einmal machen, dieses Protestieren gegen einen Missstand, vielleicht läuft das dieses Jahr anders, besser, cooler, mehr Leute, weniger Spinner, mehr Zivilgesellschaft, weniger Parteidogmatik, Freiheit statt Angst, ja, ich gehe noch einmal hin, noch einmal Flagge zeigen, deutlich machen, dass mir etwas nicht passt, dass ich nicht einverstanden bin mit PRISM. Tempora. Schnüffelei. Überwachung. Vielleicht bewegt das ja wirklich mal was. Ein bisschen vielleicht.

Also dann bis Samstag. Präsenz zeigen. Je mehr, desto besser. Runter vom Sofa. Weg vom Monitor. Glotze aus. Rausgehen.

07.09.13: Freiheit statt Angst. 13 Uhr. Alexanderplatz. Wir sehen uns.

Falls die eine oder andere Formulierung bekannt vorkommt: Die Absätze oben zu Occupy Frankfurt und der unsäglichen Demo dazu in Berlin habe so ähnlich schon mal auf der ehemaligen Bewertungsplattform Qype veröffentlicht. Fand‘ ich zu schade zum Wegwerfen und passte gerade so gut.

 
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