Ferrero: Deutschland und seine Hysterie

Die Hysteriemaschine Twitter heult mal wieder. „Ferrero Küsschen sind rassistisch!“ schreit man, und Ferrero knickt ein, entschuldigt sich, betet fünf Rosenkränze und zieht die Werbekampagne zurück.

„Deutschland wählt weiss“, Ja, das ist doof, natürlich, so doof wie 99% aller Werbekampagnen doof sind. Wahrscheinlich hat sich mal wieder der Praktikant die Kampagne ausgedacht. Sie ist nicht gut, sie ist blöd und sie springt auf den Bundestagswahlzug auf wie das auch Sekthersteller, Theater und dümmliche Radiosender tun. Alle wählen jetzt. Für Baumärkte. Für Eis am Stiel. Media Markt. So weit so banal.

Für den Praktikanten spricht auch die fürchterliche Rechtschreibung: Weiß mit SS (Oh Gott, da haben wir ja den Beweis! Die Waffen-SS ist wieder da!!!1ELF!).

Heute reicht es für einen Shitstorm, dass „Weiß“ irgendwo beworben wird. Weiß ist wie Autobahnen. Geht gar nicht. Weiße Wandfarbe – rassistisch. Weiße Wandfarbe Deckend – rassistisch und frauenfeindlich. Hashtag anyone?

Ehrlich, glaubt irgendjemand von den Shitstormern, die nun schon wieder einen dieser künstlichen Twitterhypes gestartet haben, dass bei Ferrero eine Verschwörung weißer heterosexueller alter Männer (WHAM) sitzt, die sich denken: „So, jetzt geben wir es den Negern mal richtig. Wir starten die Kampagne ‚Deutschland wählt weiss!‘ White Power Forever! Hugh!“

Ich verrate jetzt ein kleines Geheimnis: Weiß hat noch mehr Bedeutungen als nur die Hautfarbe. Hier geht es gerade um weiße Schokolade. Nur um weiße Schokolade. Wie soll man die bewerben? Mit „Deutschland wählt schwarz“? Grün? Lila?

Diese künstliche Empörung alle paar Tage ödet mich inzwischen sehr an. Das Internet ist eine Heulboje geworden. Je schriller desto Twitter. Geht doch bitte alle mal wieder im Wald spazieren und kommt runter von diesem Daueralarmismus. Es geht nicht immer gleich die Welt unter, wir werden nicht immer alle gleich sterben und es ist nicht immer alles eine große Verschwörung gegen Ausländer, Frauen, Behinderte, Schwule – manches ist ganz einfach Nachlässigkeit, eine Prise Borniertheit, Dummheit meinetwegen auch. Aber es ist kein Rassismus, es geht hier um weiße Schokolade und eine ziemlich schlechte Werbekampagne dazu, nicht um die weiße Vorherrschaft in der Welt und unterdrückt wird auch keiner. Weiße Schokolade. Mehr ist da nicht.

Es sind First World Problems wohin man schaut. Offenbar haben wir keine ernsthaften Sorgen mehr in diesem Land. Kümmert Euch doch mal um Kinderarmut, um Flüchtlinge, um die, denen es sehr schlecht geht, gebt dem Penner an der Ecke mal einen Fünfer statt immer nur die Cents, die ihr eh loswerden wollt, organisiert doch mal wirksame Proteste gegen die Banken, die ganze Gesellschaften europaweit mit ihrer Gier in den Ruin treiben. Zu mühsam? Ach? Es ist einfacher, im Bademantel mit dem Latte aus Sojamilch in der Hand vor dem Monitor zu sitzen und einen entrüsteten Tweet in die Filterbubble zu schießen, auf dessen so vorhersehbare Empörungswelle wieder nur die üblichen Verdächtigen und ein paar Öffentlich-Rechtliche Anstalten aufspringen, die das reflexartige Retweeten einiger gelangweilter Wohlstandskinder für den Ausdruck einer Volkserhebung halten.

Inzwischen fotografiert man sitzende Männer in S-Bahnen, die niemandem etwas tun, und jagt sie als „Breitmachmacker“ durchs Netz. Ich habe keinen Bock mehr. Es wird lächerlich bis weit über die reine Karikatur hinaus. Ich mag keine Shitstorms mehr lesen, je mehr Shitstorms es gibt, desto dümmer werden sie. Nein, wir haben keine Probleme mehr in diesem Land, es geht uns gut, viel zu gut.

 

1559195772991929555331264679774-11796574242704199293.jpg