Prenzlauer Berg: Ein Ampel-Disput

Das Kind lernt derzeit den Sinn und die Funktionsweise von Ampeln.

„Es ist grün. Du kannst laufen. Alle anderen müssen warten. Komm, wir laufen zusammen. Immer bei Grün. Nicht vergessen. Bei Rot muss man warten, bei Grün kann man laufen. Stop, Achtung, Radfahrer.“

Der macht kurz vor dem Kind eine Vollbremsung, dann eine theatralische Drehung seitwärts und steht jetzt quer im Weg herum. Ich bleibe cool:

„Kein Problem. Fahren Sie weiter. Sie sind eh schon so gut wie durch. Alles in Ordnung.“

„Aber ihr habt grün.“

„Nein, fahren Sie. Alles prima. Das passt voll ins Erziehungskonzept. Siehst du, das ist ein Fahrradfahrer. Für die gilt Rot nicht, da musst du aufpassen. Wenn ein Fahrradfahrer kommt, dann wartest du am besten und lässt ihn vorbei. Egal, was die Ampel anzeigt.“

„Was reden Sie da?“

„Ich bringe meinem Kind bei, dass Verkehrsregeln für Radfahrer nur freundliche Empfehlungen sind. Das muss es so früh wie möglich lernen, bevor noch mehr passiert.“

„Das stimmt doch gar nicht. Das können Sie dem Kind nicht beibringen.“

„Das kann ich nicht nur, das muss ich. Dieses Kind wurde bereits im Kinderwagen von einem Fahrrad angefahren, in der Babytrage vor meiner Brust von einem Fahrradlenker gerammt und gerade kürzlich von einem Gehwegraser beim Laufenlernen über den Haufen gefahren. Was denken Sie denn, wie ich als Vater damit umgehen soll?“

„Das glaube ich Ihnen nicht.“

„Es ist völlig unmaßgeblich, was Sie glauben und was nicht. Wenn effektiv nur 1% der Radfahrer an einer roten Ampel halten, weil es niemanden interessiert, dann ergibt diese Regel keinen Sinn und ich würde meine Aufgabe als Vater vernachlässigen, wenn ich meinem Kind dies nicht so erklären würde, dass es sich möglichst nicht mit zerfetztem Gesicht in der Unfallchirurgie wiederfindet.“

„Das ist doch völlig bescheuert.“

„Nein, Ihre theatralische Vollbremsung ist völlig bescheuert. Wenn Sie mich Erwachsenen über den Haufen fahren, kann ich damit umgehen, das ist okay, Ihr seid eben so. Außerdem kann ich mich inzwischen so wegdrehen, dass der Zusammenstoß von meinem Ellbogen und Ihrem Kinn eher Ihnen als mir weh tut, aber mein Kind lernt, Gefahren wie Ihnen aus dem Weg zu gehen. Ich war schon einmal mit gebrochenem Bein in der Kinderchirurgie, muss ich nicht noch einmal haben.“

„Sie sind doch völlig verblödet. Ich fahr‘ jetzt weiter.“

„Ja, bitte, fahren Sie. Sie haben jetzt sowieso Grün.“

Prenzlauer Berg. Zwei Welten. Die einen entfalten, die anderen arrangieren sich.

 

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