Wurstgrauen – ein Tiefpunkt

Dieser Bratwurststand auf dem S-Bahnhof Frankfurter Allee hat ein Problem mit seiner Wurst. Sie ist scheiße.

Diese Wurst zu beschreiben ohne dabei ausfallend zu werden, ist fast unmöglich. Hätte ich hier am Rand des Blogs eine Begriffswolke mit Schlagwörtern, so würden wir dort Dinge wie unterirdisch, widerwärtig, Zumutung, No-Go, Kriegserklärung, Lebensmittelhasser und spastisches Würgen finden.

Versuchen wir es doch zur Abwechslung einmal ganz sachlich: Die Bratwurst liegt ganz offenkundig überdurchschnittlich lange auf ihrem Grill, wobei die absurde Situation entsteht, dass immer weniger Bratwürste verkauft werden je länger sie da liegen, was wiederum dazu führt, dass sie noch länger liegen, so dass sie keiner will und sie dann noch länger da liegen, was wiederum dazu führt, dass noch mehr Kunden wegbleiben.

Ein Teufelskreis. Bis mal eine arme Sau kommt und sich vor lauter Hunger so eine Bratwurst andrehen lässt.

Ich.

Mit der Bratwurst passiert nach Überschreitung des idealen Garpunkts folgendes: Die schwarz-braun verfärbte Haut wird gleichzeitig hart und trocken, nimmt eine lederartige rissige Konsistenz an und löst sich dabei von dem zusammengeschmolzenen Inneren bis auf etwa zwei bis drei Millimeter ab, wobei sich in dem dadurch entstehenden Zwischenraum ein seltsamer braungetönter fädenziehender Sud mit Kohlearoma bildet, der mit dem tendenziell völlig geschmackslosen Inneren der Wurst eine sehr üble Mischung bildet, die irritierend sauer-salzig daherkommt.

Die Tatsache, dass die Wurst irgendwann weit nach dem Idealzeitpunkt auf eine kühlere Stelle des Grills gelegt wird, wonach sie lau serviert wird, potenziert das Desaster zusätzlich.

Ganz plastisch gesagt: Es ist ein Albtraum in Penisform.

Einmal erhielt ich eine noch nicht ganz fertig gebratene Wurst – Variante „Kräuter“, innen noch kalt und roh, die mich erahnen ließ wie das ideal gebratene Endwerk eigentlich planmäßig schmecken soll.

Das allerdings ist schnell erzählt: Nach nichts.

Die Geschmacksvariation „Kräuter“ ist im Ergebnis nur optisch eine Innovation – hat sie doch grüne Punkte im Brät, geschmacklich bleibt sie in jeder Beziehung so fad wie das Normalprodukt. Sie macht in Konsistenz und Geschmack einen haarsträubend synthetischen Gesamteindruck – keine Spur von würzigem frischem Bratwurstaroma, man kann sich ersatzweise auch einen Brocken zimmerwarmes Fonduefett mit etwas getrockneter Petersilie in den Mund stecken und darauf rumlutschen, das dürfte dem Erlebnis auf dem S-Bahnhof Frankfurter Allee sehr nahe kommen.

Mit der Erfahrung langjähriger Feldversuche auf dem weitreichendem Sektor kulinarischer Terrorcamps stelle ich nüchtern fest: So eine schlechte Wurst ist mir bisher noch nicht untergekommen und es erscheint mir hinreichend wahrscheinlich, dass es auch nicht mehr schlechter geht. Hier stimmen weder Grundprodukt noch Zubereitung. Hier stimmt nichts.

Der maßstabsetzende Tiefpunkt der Berliner Wurstkultur befindet sich derzeit auf dem S-Bahnhof Frankfurter Allee. Meine Glückwünsche.

 

1559195772991929555331264679774-11796574242704199293.jpg