… wieder Krieg

Ich habe ein Déjà vu. Es wird wieder Krieg geben. Und die Choreographie ist wieder die gleiche: Vorwurf eines Verbrechens – UN-Resolution ohne Mehrheit, weil Zweifel bestehen – trotzdem Eingreifen – Krieg.

Wann hat man eigentlich damit aufgehört, das Beschießen anderer Länder Krieg zu nennen? Die heutige Terminologie kommt mit der kalten Präzision eines chirurgischen Eingriffs daher, man spricht technokratisch von Luftschlag, verharmlosend von Konflikten, als wäre es eine Schulhofschlägerei, und von robusten Einsätzen, die diese Schulhofschlägereien beenden sollen. Dabei meint man einfach nur Bombardements … und Krieg.

Und wann habe ich eigentlich aufgehört blind zu glauben, was man mir erzählt? 1991 beim Golfkrieg war ich zu klein, der Böse hatte einen Schnauzer und sah irgendwie aus wie Kater Carlo. Der Krieg war total öde, es gab unscharfe grüne Bilder, die von Blitzen durchzogen wurden und CNN-Reporter, die aufgeregt in Mikrofone bellten. Mehr nicht. Da war bei Rambo III mehr los, von dem eine VHS-Kassette auf dem Schulhof kursierte.
Und aus einem Grund, den ich nicht verstand, haben sie bei der Hälfte des Krieges aufgehört, so dass Kater Carlo noch eine Weile weitermachen konnte: Bankraube, Gaunereien, mit dem Gewehr in die Luft schießen und so. Was Kater Carlo eben so macht, wenn er nicht gerade Minnie Maus entführt.

1998 habe ich Schröder gewählt. Weg mit dem Dicken. Endlich. Das gesamte Zeitgeschehen meines ganzen Lebens bestand nur aus Kohl. Immer nur Kohl. Jeden Tag. Kohl Kohl Kohl. Von morgens bis abends, Woche für Woche, Jahr für Jahr: Kohl. Dann der Wechsel zu Schröder. Doch der zog zu allererst in den Krieg. Gegen Serbien. Kosovo befreien. Brücken wegknallen und so. Und ich habe alles geglaubt: Die bösen Serben, geschlachtete Kinder, aufgeknüpfte Frauen, ausgeschlitzte Männer und ein durchgeknallter Despot mit speckigen Ohren, der aus allen Tageszeitungen und allen Nachrichtensendungen immer so grimmig schaute.

Dem Krieg voraus gingen allerlei Berichte über Verbrechen gegen die Menschlichkeit, einseitig, pauschal, einhellig. Ohne wahrnehmbare Gegenrede, wenn man von Peter Handke absieht, den man im Feuilleton schnell als ebenso durchgeknallt beschrieb. Nein, ich habe das alles geglaubt und ich glaube, dass ich es immer noch glaube. Oder auch nicht, denn wer weiß schon noch, was damals richtig war? Serben, die ich kenne, halten diesen Krieg für ein Verbrechen und seine Begründung für Propaganda. Bin ich ihnen auf den Leim gegangen? Bin ich Schröder auf den Leim gegangen? Habe ich zu schnell geglaubt? Oder war es richtig zu glauben? Was ist richtig?

An die Richtigkeit des nächsten Golfkriegs 2003 habe ich nicht mehr geglaubt. Ich habe nicht verstanden, warum Kater Carlo jetzt plötzlich ganz schnell weg musste und damit lag ich auf der Linie der Regierung, von Frankreich, fast ganz Deutschlands, die da alle nicht mitmachen wollten. Und wieder schoss die gesamte Presse ein Feuerwerk ab, dieses Mal gegen diesen Krieg und ich lief hinterher. Kein Blut für Öl. Weapons of Massdestruction my ass. Das war richtig, wie sich heute herausstellt. Daran glaube ich immer noch.

Und dann kürzlich noch dieser durchgeknallte Irre aus der Wüste mit seinen bizarren Fantasieuniformen, diesen übergroßen Hipstersonnenbrillen und seiner Leibgarde aus dickbusigen Amazonen. War es richtig, ihn wegzubomben? Ist es jetzt besser? Ich höre gar nichts mehr. Ich weiß nicht, ob das richtig war.

Heute gibt es wieder einen Schurken. Und es werden Beweise präsentiert. Und die Presse trompetet. Giftgas. Giftgas! Assad hat Giftgas versprüht. Eine Resolution wird beantragt werden.

Doch heute glaube ich nicht mehr einfach so, heute frage ich nach: Warum hätte er das tun sollen? Assad feierte in den letzten Monaten Sieg um Sieg über die „Rebellen“, welchen Sinn hat Giftgas in solch einer Situation – außer den, die ganze Welt gegen sich aufzubringen? Und deshalb stellen wir doch einmal die alte Frage, deren Beantwortung so oft erhellende Erkenntnisse liefert: Cui bono? – Wem nutzt es? Es ist die Frage, um die sich immer alles dreht, in jeder Situation – privat, beruflich, politisch. Und nein, ich kaue nichts vor, ich löse nicht auf, ich stelle nur eine Frage: Cui bono?

Ich glaube inzwischen nicht mehr alles und das liegt nicht nur daran, dass ich die so wichtigen Blogs von Verschwörungstheoretikern lese, die während ihrer großartigen Vorträge Süßigkeiten in sich reinstopfen, sondern ich glaube nicht mehr alles, weil sie genau so schon mal da war, diese ganze Choreographie, die sich später, als der Krieg vorbei war, als inszenierte Lüge herausgestellt hat.

Ich glaube auch nicht mehr an „Rebellen“. Rebellen werden die Regierungsgegner nur genannt, wenn es in die Agenda des Westens passt. Ansonsten heißen sie Terroristen. Wer ist gut? Wer ist böse? Werden die Rebellen gütige Herrscher werden, wenn Assad weg ist? Ich weiß es nicht.

Bald ist also wieder Krieg. Und Deutschland wird wieder mitmachen, auch wenn wir hier in unserer kleinen heilen Welt nicht viel davon mitbekommen werden. Und weil gerade Wahlen anstehen, werden zwar keine Einsätze geflogen, aber unterstützen werden wir die Partner so wie wir es immer tun, wenn es gilt, einen Kater Carlo, einen speckohrigen Jugoslawen oder einen Dünnlippigen mit Segelohren zu beseitigen.

Dem heißen Krieg geht der Krieg der Worte voraus. Da sind wir gerade.

 

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