The Incredible Jungdynamiker of Kieser-Training

Kieser-Training hat eine recht hohe Fluktuation, was sein Personal angeht. Verständlich. Der Job ist mies bezahlt und für einen echten Physiotherapeuten, der seine Ausbildung teuer bezahlen musste, unter Niveau. Kein Anspruch. Keine Herausforderung. Spindschloss raus, Spindschloss rein, tagaus tagein, unterbrochen nur vom feuchten Durchwischen der Umkleide und vom Wechseln des Toilettenpapiers auf dem Scheißhaus. Als Highlight kommt ab und zu ein scheintoter Sack von Körper zum Kontrolltraining angeschlurft, an den man die vertrockneten Essenzen aus der heiligen Werner-Kieser-Bibel (Elend-Schweiß-Tränen-Qual-Blut im Stuhl) zu vermitteln versuchen kann.

Schlimmer ist es wahrscheinlich nur noch, als Physiotherapeut bei den plastikbefingernägelten Arschgeweihen von McFit zu landen. Dort ist dann das absolute intellektuelle Ende aller Fahnenstangen, quasi das SuperRTL der Fitnessstudios.

Und weil der Job nicht nur kacke sondern auch noch kacke bezahlt ist, trifft man bei Kieser ausschließlich zwei Kategorien von Mitarbeitern:a) diejenigen, die woanders keiner mehr nimmt (und das aus Gründen) und
b) die Jungdynamiker auf dem Absprung zu etwas Besserem.

Der Jungdynamiker bleibt in der Regel ein Jahr, dann muss er den Absprung geschafft haben. Er träumt von einer Selbständigkeit als Fitness Coach, am besten von reichen alten Witwen irgendwo in Dahlem, Lankwitz oder Frohnau, denen er mehrmals die Woche für gutes Geld die fetten Ärsche massiert, ihnen Ernährungstipps gibt, an die sie sich sowieso nicht halten und sich ansonsten ihr Lebenslamento anhört. Da will er hin. Und bis das klappt oder er wenigstens als Masseur in irgendeiner Kosmetikklitsche bei den neureichen Schnöseln von Prenzlauer Berg unterkommt, bleibt nur Kieser, wenn es nicht das Jobcenter und/oder McFit werden soll.

Der Jungdynamiker macht in einem Jahr mehrere Phasen durch:

Phase I – Motivation

Die ersten Monate will er alles richtig machen, er mimt den Aufpasser, den Drill Instructor, und äugt wie ein Luchs, dass ein jeder in seiner Schicht die heiligen Übungen richtig macht. Er greift ein, er reguliert und Fehler sieht er von weitem. King Adlerauge. Immer da. Immer wach. Er lobt und tadelt. Im Dienste der Gesundheit. Ein Nervsack.

Phase II – Jovialität

Nach ein paar Monaten lässt das nach. Er lässt schleifen. Übersieht mal unsaubere Wiederholungen. Findet er nicht mehr so wichtig für das wenige Geld und die Probezeit ist sowieso vorbei. Er grinst jovial, klopft Schultern, signalisiert „Ist schon in Ordnung, wir sind alle nur Menschen, mach‘ dein Ding. Ich bin dein Freund. Kennste den schon? Kommen zwei Blondinen in eine Bar…“

Phase III – Depression

Am Ende des Jahres interessiert ihn gar nichts mehr. Er sieht selbst die Schwungtrainierer nicht mehr, die an den Geräten reißen wie beim Hammerwerfen und die für den gleichen muskulären Effekt eigentlich auch zuhause auf der Couch mit den Fingern an ihrer Vorhaut trainieren könnten. Doch er sieht sie nicht. Das blendet er aus, er identifiziert sich nicht mehr und gibt Spindschlösser und nimmt Spindschlösser und gibt und nimmt, mechanisch, manchmal fast paralysiert und dann merkt man „Aha, das Jahr ist um.“

Richtig wach wird er in dieser Phase nur noch, wenn er netzwerkt. Wer sieht hier nach Geld aus? An wen kann ich mich ranhängen? Braucht da wer einen Personal Coach? Mit Ernährungsberatung vielleicht? Oder kennt jemand einen, der einen kennt, der einen braucht? Bei wem lohnt das Gespräch über das Fitmachen alter heruntergewirtschafteter Körper im Winter des Lebens? Hey, ich habe andere Dienstleister im Partnerprogramm, wir können das kombinieren mit Chi Gong, meditativem Gärtnern und Psychotherapie. Nein? Schade. Aber wenn du mal…

Ein ganzes Jahr. So schnell vorbei. Verzweiflung bricht Bahn. Jetzt muss er den Absprung schaffen. Kennt jemand was? Wie komm ich hier raus, bevor ich hier alt und faulig werde? Was? Du kennst Axel Schulz? Kannste mal ein gutes Wort…

Entweder der Absprung gelingt, dann ist der Jungdynamiker weg, dynamisiert irgendwoanders jung und ein neuer Jungdynamiker ersetzt ihn. Der wiederum beginnt bei Phase I – dem Drill Instructor, dem die Motivation in Sturzbächen aus den Ohren läuft und der mich nervt, bis er endlich Phase II erreicht.

Gelingt das nicht, dann bleibt der Jungdynamiker da und wird zum Fossil, zum Mitarbeiter der Kategorie a) – demjenigen, den woanders keiner mehr nimmt (und das aus Gründen).

Das ist der ewige Kreislauf von Kieser-Training, Fluch und Dilemma eines Fitnessstudios, das dicke Gebühren nimmt, aber nicht gut zahlt.

 


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