Fassbier, Karussell und NPD

Am Südzipfel Berlins im Schatten der Trabantenbauten findet jedes Jahr ein Fest statt. Das Fest ist groß geworden im Laufe der Jahre, viele Fahrgeschäfte, Tiere, viel zu essen, mächtig, fettig, reichlich, nicht immer gut, aber vergleichsweise günstig. Ein Fest für die ganze Familie.

Ich erinnere mich, dass ich irgendwann in den 90ern dort auf einem Getränkewagen bis tief in die Nacht Bier gezapft habe, mit dabei Lena, blond, groß, bildschön, zu schön für so ein Fest. Als abgerechnet wurde, hatte sie 250 Mark Trinkgeld. Ich hatte zwei. Zwei Mark. Von einer Runde alter besoffener Kegelfrauen, die dafür meine Brusthaare sehen wollten. Ich war jung und hatte nie Geld.

Heute verteilt die NPD hier Aufkleber. Teenager mit diesen Aufklebern in der Hand skandieren „Aus, Aus, Ausländer raus“. Ich bin kurz überrascht, dann schaue ich mich um. Viele Glatzen, unauffällige Glatzen, keine Symbole, keine Shirts. Sie sind ja nicht blöd. Glatzen hinter den Fahrgeschäften, Glatzen als Bierfassträger. Glatzen mit Kindern. Glatzen in Gruppen. Es muss nichts heißen, aber es heißt was, ich spüre das, ich kenne sie. Es ist die Attitüde, diese Schwere, diese Abwesenheit von Ironie und Leichtigkeit. Die Art, wie sie mit ihren Kindern umspringen. Diese hässliche deutsche Art. „Solang‘ das Deutsche Reich besteht, wird jede Schraube rechts gedreht.“ brummt jemand neben mir in sein Bier.

Nicht weit weg von hier ist Rudow, in dem sich die von Johannisthal rübergemachten Kameradschaften festgesetzt haben. Naziland. Die NPD ist ganz vorne mit dabei. Hier hängen in allen Straßenzügen die ausländerfeindlichen Plakate an den Laternen, unversehrt, massenhaft, Plakate, die in Prenzlauer Berg oder Friedrichshain keine zehn Minuten hängen würden. Man will „Gas geben“ und wünscht „Gute Heimreise“ auf einem fliegenden Teppich.

Das Auffällige ist die Unauffälligkeit. Die Parolenrufer von eben sind jung, sie stechen hervor, denn sie wissen noch nicht, dass man damit abschreckt, dass man das nicht mehr tut, dieses Brüllen, dieses Sich-schlecht-benehmen. Man muss sie noch schleifen, ein wenig einnorden, ihnen zeigen, wie es geht. Wo es lang geht. Der Brandstifter muss der Biedermann werden. Das lernen die schon noch und werden dann so wie die Kameraden, die alten, die etablierten, die helfen, die mit anpacken.

Es sind viele junge Familien hier, ich bin auch mit Kind da und falle nicht auf, doch ich sehe keine Ausländer auf der ausladenden Fläche, nicht ein Kopftuch, obwohl ich sie eben noch außerhalb des Festes sah, bei Edeka, wenn sie den Wochenendeinkauf machen. Es gibt viele von ihnen hier in der Gegend. Doch auf das Fest gehen sie nicht.

Hier ist Buckow, Rudow, der Windschatten, abseits der Gröler von Hellersdorf, die es gerade wieder einmal mit ihrem abstoßenden Klischee in alle Medien geschafft haben. Doch Hellersdorf ist tot, out, von gestern und dient nur noch als hässliche Ostfratze für die Abendschau, wenn die letzten Großmäuler ihr letztes Stückchen Reputation auf ewig verbrennen und „Die soll’n sisch fafatz’n!“ in die Mikrofone rülpsen.

Hier im Süden agieren sie unauffälliger und gehören schon zum Stadtbild. Kein Pogrom. Kein fotogener Hitlergruß in grüner Jogginghose und rosa Shirt. Nicht mal ein Hakenkreuz an einer Betonwand. Man trägt schwarz. Man ist jovial. Man hilft sich. Man geht zum Fest. Man trinkt Bier. Man trinkt auf Deutschland. Und die NPD-Aufkleber gibt es unter der Hand. Und wenn nicht gerade Jugendliche grölen, fällt das überhaupt niemandem auf.

 

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