Das Kind und die Wurstscheibe

Früher als Kind habe ich immer eine Scheibe Wurst an der Wursttheke bekommen.

Das ist heute leider nicht mehr überall so. Ehrlich gesagt, nur noch ganz selten. Bei Kaisers manchmal. Und bei Kaufland. Aber nur bei älteren Verkäuferinnen. Bei Männern gar nicht. Und bei Jüngeren auch nicht. Einmal habe ich eine Jüngere nach einer Scheibe Wurst gefragt. Sie war sehr irritiert. „Darf ich das? Darf ich das?“ stand in ihrem Gesicht.

Oft genug drückt sich mein Kind völlig umsonst seine Nase platt an der Scheibe von der Auslage und macht ein hungriges Gesicht, als wäre es seit Tagen ohne Proviant in der Sahelzone unterwegs und bekäme in meinem Rabenhaushalt überhaupt nie etwas zu essen – außer trocken Brot von letzter Woche gekoppelt mit Krumenresten aus der Auffangschale vom Toaster – eingeweicht in Abwaschwasser zu einem Brei. Oder so.

Die Kommunikation an den Wursttheken wird auch immer kürzer, knapper und unpersönlicher. Kaum ein Lachen. Ein Wunder ist das nicht bei dem Andrang – Nahkampf wie bei Netto in Treptow, wenn das Wernesgrüner im Angebot ist. Und wahrscheinlich auch kein Wunder bei der Bezahlung.

Dennoch. Ich habe mich als Kind sehr gefreut über die Wurstscheibe. Es war nicht alles schlecht. Hey Wurstwarenfachverkäufer, so viel Zeit muss doch sein.

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