Hauptstadt-Käsenachrichten

RBB! Auf ein Wort: Deine Abendschau ist das Allerletzte.

In Prenzlauer Berg treten ein paar Irre einen Touristen zusammen. In Pankow jagen andere Irre noch mehr Irre durch ein Freibad. Und in Wedding kann man die Uhr danach stellen, wann das Alter der Dealer auf den U-Bahnhöfen endlich einstellig wird. Und du? Präsentierst uns die Eröffnung eines neuen Platzes vor dem DIN-Gebäude, einen Bericht von der Sitzung des Kulturausschusses, leider ohne Ergebnis, die Stellungnahme der Berliner IHK zur Produktion von Gasturbinen bei Siemens und den Wahlkampfauftakt der CDU in Hermsdorf. Und die Meldung, dass das kleine Giraffenjunge Moritz im Tierpark geboren wurde. Irre.

Was war das für ein Eklat, als Ex-Senator und Bestsellerautor Sarazzin mit einer ZDF-Entourage nach Kreuzberg ging und die Türken provozieren wollte, weil die sich einen Scheißdreck für sein blödes Buch interessieren. Er flog erwartungsgemäß achtkantig aus der Dönerbutze raus – ganz Berlin diskutierte sich die Köppe heiß – von taz über B.Z. bis in alle Blogs. Nix davon in der Abendschau. Ist gar nicht passiert. Man zeigt es eben nicht gerne im Senatssender, wenn sich einer der ihren zum Löffel macht. Stattdessen bringt man lieber Interviews mit bildungsfernen Dummdödeln an Tankstellen, die kein Bock auf E10-Benzin haben, eine Elegie auf den verregneten Frühling/Sommer/Herbst/Winter [Nichtzutreffendes bitte streichen] und die Nichtigkeit, dass neben der Waldbühne eine Eissporthalle eröffnet hat, was der CDU-Kreisvorsitzende von Westend positiv würdigt. Flankierend dazu wird vermeldet, dass die Wölfe im Tierpark Nachwuchs haben. Wahnsinn.

Wie ist die Situation in der Stadt heute? Autos brennen immer noch, Kinderwagen in den Hausfluren Prenzlauer Bergs ebenso, von Neukölln bis Wedding gibt es Massenschlägerei um Massenschlägerei, bei denen die Polizei regelmäßig verjagt wird, in Schöneweide regiert wieder das Dritte Reich und in Moabit die Mafia, im U-Bahnhof Leopoldplatz wird ein Mensch zusammengetreten und ein Arsch schmeißt einen anderen Arsch vor die S-Bahn, die gerade mal wieder zufällig fährt – ist nicht passiert, denn in der Abendschau herrscht heile Welt, weil zum ersten Mal seit Jahren im Berliner Zoo ein Brillenpelikan geschlüpft ist. Ui. Ist das niedlich.

Journalistisches Versagen reiht sich derweil an journalistisches Versagen: Die Vivantes-Krankenhäuser räumen in der Abendschau ein, dass ihnen massiv Personal fehlt, was den RBB nicht etwa dazu bringt, Ursachenforschung zu betreiben (Es ist die Privatisierung, fool), sondern den CDU-Vorsitzenden von Staaken zu interviewen, der höhere Zuschüsse fordert. Danach darf der Innensenator wie jede Woche die Erfolge seiner Politik erklären. Aber bevor der Zuschauer darauf kommen könnte, wie sehr er hier vorgeführt wird, wird schnell das Highlight des Tages nachgeschoben: Das Portrait eines passionierten Anglers am Müggelsee. Knaller. Und die Sonne geht über den Müggelbergen unter. Mensch, Berlin ist so schön. Und so sicher. Hier, Gebührenzahler, noch ein paar brandheiße Schokostreusel extra: Wir kriegen einen neuen Knut. Aus dem Moskauer Zoo. Ein ganz neues kleines Eisbärchen. Wie süß.

Ehrlich, beim RBB herrscht noch Westberliner Frontstadt-Feeling, Heile-Heile-Butschi, die Mumien sitzen in ihrem Bunker, diesem fürchterlichen Bürozweckbau in dieser windigen Ecke dieser 60er-Jahre-Freilufthölle am Westend, abgeschottet vom Dreck der Stadt, Opa Kowalke pflegt seinen Kleingarten, schimpft über die Nachbarn, die ihre Hecke auf 142 cm statt der erlaubten 140 wuchern lassen, macht ein Engelhardt-Pils auf, wählt natürlich CDU und wartet, bis es der Ami aus Flugzeugen wieder Schokolade vom Himmel regnen lässt. Und der RBB berichtet über jeden Käse, der die Argentinische Allee Richtung Krumme Lanke runterrollt, jede Ketchupflasche, die am Imbiss am U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte vom Tresen fällt und jeden Regenschirm, den Oma Erna von der Seniorenunion in der Clayallee verloren hat. Und zu alldem hat der CDU-Kreisvorsitzende von Zehlendorf immer eine Meinung.

Nicht zu vergessen die Tierbabys, heute: Die Erdmännchen haben Nachwuchs. Lolla und Trolla freuen sich über Erdmännchenbaby Bolla.

Ich weiß nicht, ob das nur Paranoia ist oder ob das noch anderen auffällt, aber der Osten findet in der Abendschau nicht statt, außer, wenn etwas besonders Negatives zur Abschreckung berichtet werden kann: Pfusch am Ostkreuz (ein Pole läuft durchs Bild), Rechtsradikale pöbeln gegen Asylbewerber in Hellersdorf (dick, Glatze, rosa Jogginghose), Stützeempfänger ohne Kinderstube pöbeln in Hohenschönhausen zur allgemeinen politischen Lage und zu den Bierpreisen im Besonderen (Bierflasche, Bahnhof, rosa Jogginghose, Glatze und dick), es gibt wieder ein misshandeltes Baby – natürlich im Marzahner Plattenbau (man führt eine dicke Frau mit rosa Jogginghose, aber ohne Glatze, ab) und immer wieder diese fürchterliche kommunistische Linkspartei in den Ostberliner Bezirksparlamenten, die wieder nur Mist macht.

Dafür kein Wort über Gentrifizierung und deren Ursachen, die sinnlose Privatisierung von Bewag und Wasserwerken hat man bejubelt, die S-Bahn-Krise noch nicht einmal hinterfragt, deren Ursache erst recht nicht, Politiker und Wirtschaftsbosse wäscht man im Wohlfühlgang ohne ihnen kritische Fragen zuzumuten, die tief festgesetzten rechtsradikalen Kameradschaften von Rudow (Westen!) gibt es in der Abendschau nicht, dafür hat man ja zum Glück die Nazis in Hellersdorf (Osten!), die gerade mal wieder freidrehen, die Profiteure vom legendären Westberliner Filz haben nach wie vor Schonzeit und Zehlendorf ist unantastbar. Dort ist der Garten Eden und der JU-Vorsitzende feiert mit Hemd unter dem Pullunder in der Abendschau die Eröffnung einer neuen Bibliothek für das örtliche Schnöselgymnasium ab. Nachrichten als Flashback. Der Kalte Krieg lebt in der Abendschau weiter. Hier in der Fußgängerzone von Wilmersdorf leben die Guten und der Feind steht immer noch drüben im Osten. Mauer. Schießbefehl. Keine Bananen! Hartz IV. SED-Nachfolgepartei. Und alles geht vor die Hunde.

Doch es gibt Ausnahmen.

Ausnahme Nummer Eins: Prenzlauer Berg. Der ist ganz offiziell gar kein Osten mehr, weil dort gibt es gaaaaanz viel heile Welt, mit der man die Abendschau zukleistern kann: Ein neues Sternerestaurant irgendeines Sternekochs, Moody & The Broody Hoody Froodies im Pfefferberg, Inges Selbstfindungsgalerie auf Feng Shui-Basis am Kollwitzplatz, die eine Ausstellung von Künstlern aus Chisibubikaio eröffnet hat, die sich auf Abbilder der Rügener Kreidefelsen spezialisiert haben, und mit den Füßen gerollte Tonkrüge aus Bobba und Tobbas Kinderladen am Helmholtzplatz, mit deren Verkauf ein neues Schaukelpferd für die Montessori-Kita finanziert werden soll.

Aber Vorsicht! Hier in Prenzlauer Berg ticken die Uhren anders: Zur Abwechslung hat nämlich nicht ein CDU-Zombie eine Meinung zu jedem Scheiß, sondern Wolfgang Thierse. Das liegt aber nur daran, dass es die CDU in Prenzlauer Berg nicht gibt. Die heißen hier Bündnis 90/Die Grünen und warten darauf, dass Wolfgang Thierse endlich stirbt, damit sie stattdessen in Zukunft jeden Bio-Kürbis, der die Pappelallee runterrollt, in der Abendschau kommentieren können.

Ausnahme Nummer Zwei: Diedersdorf. Da ist zwar Osten (!) und sogar Brandenburg (!!!), aber die feiern da so schön und das passt so gut zum RBB. Volksfeste. Volksmusik. Und dazu ein tolles feudales Schloss. Tralala. Kuck mal wie die schunkeln. Ufftata was ist das schön hier. Da! Ein Feuerwerk! Ooooh.

Und von dort berichtet dann immer wieder dieses fleischgewordene freilaufende Frontstadt-Fossil, dieser unvermeidliche Ulli Zelle mit seiner unvergleichlichen Ausstrahlung eines Schriftführers im Kleingartenverein, der gefühlte 2/3 aller Sendungen und Liveschalten moderiert und der wie kein anderer diese ganze Westberliner Provinzmentalität dieses unsäglichen Senders personifiziert.

Helden, ihr, mit euren tollen Nachrichten: Eröffnung einer nichtssagenden Ausstellung in einem Dahlemer Gymnasium, der Wahlkampfauftakt der CDU in Spandau oder Lankwitz oder Schmargendorf oder Nikolassee oder [tragen Sie hier einen beliebigen verschlafenen Ortsteil im Westen der Stadt ein], immer wieder die Sesselfurzer von der IHK mit ihren provinziellen Ansichten zu jedem Scheiß, Zeugnisausgabe in Frohnau, Straßenfest in Lübars, Ortsteilfest in Hermsdorf, Dödelfest in Diedersdorf und die unglaublich spannende Vereinsfeier vom Weingut Britz, von dem sich der CDU-Kreisvorsitzende von Neukölln einen wirtschaftlichen Impuls für die Region erhofft.

Dabei wurde in der Hasenheide wieder einer abgestochen.

Das macht aber nix, denn es gibt ein neues Tierbaby: Leopardenbaby Nekama hat das Licht der Welt erblickt. Heißer Scheiß.

Ich habe den Eindruck, ich wohne auf einem Bauerndorf und nicht in der deutschen Hauptstadt, der Kriminalitätshochburg Nr.1, dem Moloch Berlin, dem Sumpf der Verderbtheit, dem Nabel Deutschlands, der Avantgarde aller Städte mit einem Ruf wie Donnerhall. Nix. Wenn man sich die Abendschau so anschaut, ist das tiefste Provinz mit diesen piefigen No-Nachrichten aus dem Zehlendorfer Villenghetto für Wilmersdorfer Witwen, denen man die echten Nachrichten dieser Stadt offenbar nicht zumuten will, weil man Angst hat, dass diese letzten paar Urzeit-Zuschauer aus Mauerzeiten sonst an Erschöpfung wegsterben.

Was für ein Trauerspiel, dieser täglichen wiederkehrende völlig untaugliche Versuch, die ganzen Widersprüche dieser spannenden Stadt mit dickflüssiger Harmoniesoße zuzukleistern, das ist so armselig, bräsig, piefig, ganz erbärmlich und mich packt der pure Hass, wenn ich auf dem Kontoauszug sehe, was für GEZ-Gebühren ich armer Irrer für so einen Schrott tatsächlich immer noch zahle.

Und wieder ein neues Tierbaby im Zoo, heute: Ein kleiner Waschbär. Er heißt Yobubu. Oder Yobibi. Yobaba. Bobo. Bababa. Pullerlullu. Supi. Und wir fiebern alle mit. Wen stören da noch die wöchentlichen Nazi-Überfälle auf Andersdenkende in Rudow?

So muss das in Kairo gewesen sein, bevor sie Mubarak abgesägt haben. Der Tahrir-Platz brennt und das Fernsehen zeigt den Präsidenten und ein Kamelbaby. Alles ist in Ordnung, bitte schlafen Sie weiter.

Ab und zu zappe ich ja zum WDR oder zum NDR, nur um die Befriedigung zu spüren, dass die Lokalnachrichten dort genauso scheiße sind, aber da passiert wahrscheinlich auch nichts anderes, was sollen die da groß berichten? Stau am Karmener Kreuz? Was ’ne Neuigkeit!

Hier in Berlin passiert andauernd was, worüber es sich berichten lässt, hier ist die Stadt der Kranken, der Psychopathen, mit der höchsten Dichte an durchgeknallten Arschgeigen überhaupt, was könnte man hier für Hauptstadtnachrichten zaubern. Man könnte es so leicht haben, man könnte aber auch einfach die Schlagzeilen der Berlin-Seite des Tagesspiegels vorlesen und wäre damit immer noch um Lichtjahre spannender als die Abendschau.

Das Tierbaby von heute ist übrigens ein kleines Nashorn. Der CDU-Kassenwart von Lankwitz freut sich darüber und die Abendschau hat eine Liveschalte mit Ulli Zelle vorbereitet. Und ein Interview mit dem IHK-Präsidenten gibt es auch noch dazu. Weil der sich davon einen Imagegewinn für die Stadt verspricht.

Gibt es sonst noch irgendetwas Relevantes über den kreuzbiederen RBB zu berichten? Nein, dieser Muff zieht sich durch alle Sendungen, infiziert den Hörfunk und ich frage mich, warum der RBB immer noch in meiner Senderliste auf Platz 10 rumkrebst. Wahrscheinlich stirbt meine Hoffnung einfach zuletzt, dass er es irgendwann doch noch mal zu einem interessanten Regionalsender für die Hauptstadtregion schafft.


Den Text habe ich so schon einmal auf der ehemaligen Bewertungsplattform Qype rausgehauen. Das war 2011. Ich musste ihn dort aufgrund von Beschwerden um die zehnmal umschreiben, bis er zuletzt unlesbar wurde und ich ihn gelöscht habe. Hier ist er in alter Form und voller Länge, mit neuen Bildern und ein wenig aktualisiert. Ich habe mir dafür extra mal wieder die Abendschau angeschaut. Sie ist immer noch so schlimm.


 

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