Mein Bezirksamt: Noch mehr Bürokratie wagen

Endlich wieder im Rathaus Pankow. In meinem Bezirksamt. Was habe ich es vermisst.

An diesem Ort hat man die Zeit etwa im Jahre 1903 angehalten. Ich habe leider kein Gemälde unseres Kaisers Wilhelm Zwo gefunden, aber es muss irgendwo dort sein – es gehört da einfach hin. Vielleicht im Keller in der Registratur.

Dafür wird der Gleichheitsgrundsatz hier konsequent angewandt: Jeder ohne Termin wartet gleich lange – mindestens 2 Stunden. So wird gewährleistet, dass der Bürger eine enge Beziehung mit seinem Bezirksamt eingeht, manche richten sich hier auch häuslich ein – mit Klappstullen und Thermoskanne. Ich warte darauf, dass man morgens wie beim Robbie Williams-Konzert Menschen vor dem Amt campen sieht – in der Hoffnung, eine der ersten Wartenummern abzugreifen, um noch vor dem Abendessen zuhause zu sein.

Aber auch wer einen Termin hat, wird Zeuge einer absurden Szenerie: An einem einzigen Geschäftsvorfall sind bis zu drei Sachbearbeiter beteiligt, zwischen denen eine Wartezeit von bis zu einer halben Stunde entsteht, auch wenn die eigentliche Tätigkeit nur im Durchziehen der EC-Karte besteht, um für diese Folter auch noch zu bezahlen.

Während dieser Wartezeiten werden die Geschäftsvorfälle wahrscheinlich gut abgehangen und mit Salzlake eingepinselt, so dass der Bürger aka der Bittsteller sie nach Fertigstellung als das genießen kann, was sie sind: Handarbeit wie unter Kaiser Wilhelm. Und Handarbeit hat, wie man weiß, immer seinen Preis: Mit den Gebühren für einen durchschnittlichen Geschäftsvorgang kann eine 4-köpfige Familie mindestens 3 Tage über die Runden kommen, wobei die Gebühren umgerechnet auf die Dauer eines durchschnittlichen Geschäftsvorfalls auch wieder einen miserablen Stundenlohn abgeben. Ein Teufelskreis.

Nein, es ist erschreckend, ein Amt wie aus dem Gruselkabinett, im Vergleich zu dem jede Postfiliale ein Serviceparadies ist. Und zur Krönung gibt es jedesmal die Klassiker, meine absoluten Lieblingssätze: „Dafür bin ich nicht zuständig.“, „Das geht nicht.“ und „Die zuständige Kollegin ist im Urlaub. Machen Sie einen neuen Termin.“

Jeder Tag, an dem ich nicht dort sein muss, ist ein Gewinn.

 

1559195772991929555331264679774-11796574242704199293.jpg