Der Vater das Backpfeifengesicht

Lidl. Mein Kind spinnt. Es will Trauben aus dem Einkaufswagen essen. Ich genehmige eine Traube. Dann zwei. Dann drei. Dann ist Schluss. Ich muss den Mist ja noch bezahlen, das läuft nach Gewicht und da machen sich abgefressene Reben nicht ganz so gut.

Es folgt Protest. Das Kind wirft sich im Einkaufswagen hin und her, insistiert erst, um dann lautstark zu protestieren und zuletzt publikumswirksam zu weinen. Mit echten Tränen. Mein Kind kann das. Subtexte wabern durch den Kassenbereich: „Seht alle her! Wie man mich behandelt! Ich bekomme nie etwas zu essen! Ich bin ein armes verhungertes kleines Kind, werde in Ketten im feuchten Keller gehalten und muss Brotreste in Mauerfugen tunken. Määääh!“

Jaja. Grenzen testen. Kind will was. Ich will nicht. So ist das. Muss man versuchen, mit Humor zu stemmen, aber sich gleichzeitig dazu zwingen, das Kind ernst zu nehmen. Erklären. Versuchen, zu beruhigen ohne nachzugeben. Balanceakt. Vabanquespiel. Das Kind pokert, ich pokere auch. Nur einer wird sich durchsetzen, entweder der Vater oder das Kind. Trauben oder Nicht-Trauben. Manchmal kann es keine Kompromisse geben, nur ein Versprechen auf Später, das nicht akzeptiert wird.

Es ist ein Showdown vor den interessierten Augen aller, die hier heute einkaufen. „Nein! Nein! Nein! Trauben haben!“ brüllt der Antichrist und wirft sich im Einkaufswagen hin und her wie ein Derwisch. Ich erkläre, beruhige, grinse betont locker. Nur bin ich gar nicht locker, überhaupt nicht, ich schwitze. Ganze Bäche laufen mir den Rücken runter. Hier, vor Publikum. Es herrscht Kampf an allen Fronten, Einkäufe auf das Laufband stapeln, dabei betont locker tun und darauf achten, dass das Kind sich nicht in seiner Wut kopfüber aus dem Einkaufswagen stürzt. Nein, ich bin nicht locker, Schweiß auf der Stirn, die Murmel rot, die Nerven gespannt. Das sieht auch jeder. Denn alle schauen. Ich bin die Lidl-Attraktion mit meinem kleinen Brüllwürfel.

Wer schreit, bekommt erst recht keine Trauben. Alles andere ist erziehungstechnischer Selbstmord. Eine Entscheidung muss man durchstehen. Gegen jedes Geschrei. Wer weich wird, darf sich auch künftig mit publikumswirksamen Auftritten erpressen lassen und immer wieder aufs Neue umfallen. Die kleinen Diktatoren wissen genau, wo sie uns kriegen, nämlich vor Publikum. Da hilft nur: Durchhalten. Durchziehen. Ich habe zu viele Biopapas auf den Schlachtfeldern Prenzlauer Bergs fallen sehen – nicht fähig, sich gegen ihr zweijähriges Kind durchzusetzen.

Draußen auf dem Bürgersteig geht der Willenskrieg weiter. Dort tritt das Kind in einen Sitzstreik und quakt, weil es beschlossen hat, nicht mehr zu laufen und schon gar nicht an meiner Hand. Mit Einkaufstaschen bepackt versuche ich, ein bockiges Kind dazu zu motivieren, wieder aufzustehen. Ohne sichtbaren Erfolg. „Neineineineiiiin“ leiert es und wirft sich nach hinten, um über den Bürgersteig zu rollen. Passanten laufen vorbei, schütteln den Kopf. Wie kann man nur? Kann der denn nicht? Was macht der denn da? Wenn das mein Kind wäre…

Und dann kommt der Frontalangriff aus dem Nichts: „Da sehen Sie mal, wie es uns Frauen immer geht. Recht so!“, giftet es von der Seite und watschelt in Pantoffeln davon.

Was war das? Die Stimme aus dem Off? Und was will sie mir sagen? Dass Frauen auch nicht gerne an der Hand gehen und sich auf dem Boden wälzen, weil sie keine Trauben bekommen haben?

Oder ist es nur ein skurriles grün-alternatives Männerbild in Sepia aus Zeiten der Regierung Bismarck, von dem man auch im ach so progressiven Bionadeland nicht lassen mag? Was wahnt die sich da zusammen? Die unterhaltsprellende wahllos rumfickende Machosau hat endlich mal – sicherlich gerichtlich erzwungen – das Kind an der Backe und leidet wie ein Hund? Recht so! Kann er mal sehen wie es den Daueropfern immer geht, den immer überall geknechteten Frauen, auf denen die gesamte Last der Welt ruht. Soll er es mal erfahren, am eigenen Leib. Der Pascha. Was für eine Freude.

Ist es so eine Denke? Wo lebt die? Wie wird man so? Und was hat das mit mir zu tun?

Hass bricht Bahn, ich bekomme große Lust, sie mitsamt ihrem Männerbild und ihren bitterfotzigen Mundwinkeln in eine Kohlegrube zum Schippen zu verfrachten. Oder zu den Möbelpackern in den LKW zum Waschmaschinentragen. Oder in den Abwasserkanal. Zum Kacke wegfräsen.

Und wenn sie dann da knietief mit ihren Pantoffeln in der Kloake steht, ätze ich hinterher: Haha. Da sehen Sie mal, wie es uns Männern immer geht. Recht so! Eat this, du F… Darf ich Fotze sagen? Darf ich?

Darfst du nicht. Du hast als Mann still hinzunehmen, was jede Frau dich einstecken lässt. Frauen wurden jahrtausendelang unterdrückt, da ist es nur recht und billig, wenn sie sich jetzt nach ihrer Befreiung auf deine Kosten eruptiv entfalten. Das war keine Pöbelei, das war ein politischer Befreiungsakt. Das kannst du aber nicht wissen. Sei also kein Weichei. Halt das aus. Indianer. Kein Schmerz. Mimimi. Ruhe jetzt.

Da ich offenbar nicht so ganz glücklich aus der Wäsche schaue, beruhigt sich auch das Kind recht schnell und wir trotten nach Hause, wo es zu den Trauben noch Vanilleeis geben wird. Mein Kind spürt, wenn die Grenze erreicht ist, ruft dann eine Waffenruhe aus und stellt übergangslos die Flächenbombardements ein.

Mann mit Kind. Freiwild. Hat niemandem was getan. Kann man aber anpöbeln. Anfauchen. Verbal abwatschen. Einfach so. Aus Bock. So ist das hier. Mir wäre es recht, gingen die ganzen kalten Geschlechterkrieger_-*Innen in irgendeine Arena mit ihren infantilen und aus der Zeit gefallenen Ideologien. Dort können sie dann Eintritt beim Schlammcatchen oder gemeinsamen Gesetzegendern verlangen, das live auf Eurosport oder Arte übertragen und reich werden. Oder auch nicht, weil das jeden vernünftigen Menschen inzwischen anödet. Macht euch doch das Leben schwer – irgendwo dort, wo ihr keine Unbeteiligten mit reinzieht. Mir egal. Nur auf jeden Fall ohne mich. Ich hab‘ dafür keine Zeit, ich muss ein Kind großziehen.

 

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