Was ist eigentlich Schwarzlicht-Minigolf? Und was will es?

Schwarzlicht-Minigolf ist Minigolf bei Schwarzlicht.

Mit 3D-Effekt. Und Brille wie im Kino. Wandbilder kommen mir entgegen, verwabern, bewegen sich, verschwimmen …

… und nach fünf Minuten muss ich fast kotzen.

Ich setze die Brille ab und kassiere sogleich Rufe: „Faker!“ und „Brille auf!“, setze sie wieder auf und muss wieder fast kotzen, ich hasse 3D, auch im Kino. Seit sie fast überall 3D-Filme zeigen und dafür auch noch das Doppelte an Eintritt haben wollen, gehe ich kaum noch hin. 3D. Mich nervt es. Die ersten fünf Minuten lang ist es ganz nett, huiiii da fliegt ein Pfeil an meinem Ohr vorbei, da, links ein Blatt im Wind, schwing, schwang, oooooh ein Igel kommt mir entgegen, kuck mal…

… und dann wird es öde. Kuck mal, ein Pfeil. Ja, gähn, toller Pfeil, gerade eben hatten wir auch schon einen, gleich kommt bestimmt noch einer. Mir ist schlecht, kann ich die Scheißbrille nicht absetzen? Nein, kannst du nicht, weil du dann alles doppelt siehst hier im Kino. Hahaha, und dafür hast du den doppelten Eintritt bezahlt. Möööp.

Ich hab‘ kein Bock mehr auf 3D-Minigolf, bei dem ich den Ball nicht treffe. Kotzen will ich auch nicht und setze also die Brille wieder ab.

Wobei, wegen des Schwarzlichts würde meine Kotze bestimmt weiß leuchten, mit neongelben Sprenkeln, weil im Toskanasalat vom Dönerstand vorhin Dosenmaiskörner drin waren. Schwarzlichtkotze mit Stückchen. Fantastisch.

Sonst ist nicht viel los hier. Minigolf. Nicht spannend. Schon im Freien öde. Rentnersport. Familenausflugshölle. Papa will Minigolf spielen. Opa zuliebe. Weil der Uropa damals schon bei den HJ-Meisterschaften den goldenen Eichenlaubteller in Zinn gewonnen hat, den wir letztens bei Ebay an einen amerikanischen Nazi verkloppt haben.

Hölle gefriere zu, Minigolf, und das mir, ich ertränk‘ mich im Tegeler See, Stein um’n Hals und gluckgluckgluck, alles ist besser als Minigolf. Moosbewachsene Anlagen, 60er, 70er und das Verrostetste von heute. Minigolf – wir hatten ja damals nix.

Hier heute im hippen Kreuzberg ist Minigolf nicht weniger öde. Nur mit Schwarzlicht. Das ist dann cool. Irgendwie. Für die ersten zwei Minuten. Man sieht die Schuppen auf dem schwarzen Hemd desjenigen, der bereits uneinholbar nach Punkten führt, aber schwört, dass er heute zum ersten Mal spielt und es eigentlich gar nicht kann. Hahaha, sauf Alpecin, du Knaller! Du warst in der Schule bestimmt auch der Einserabonnent, der immer nach der Klassenarbeit getönt hat wie schlecht sie lief und der dann doch wieder alle ausgestochen hat.

Minigolf ist langweilig. Überall. Außer für diese ernsthaften Wettbewerber, die das hier mit heiligem Ernst zelebrieren: „Das waren gerade 7 bei Stevenson, 7, hörst du, schreib 7 bei Stevenson auf!“, „Die Reihenfolge! Du musst das in der Reihenfolge machen, Stevenson! Die Reihenfolge! Nicht die Bahn 5 vor der 4“, „Nicht so draufdreschen, das muss aus der Hüfte kommen. Und die Schultern gerade!“, „Das ist Beschiss, Stevenson hat die Brille gar nicht auf! Jeder muss die Brille aufsetzen!“

Wenn der Deutsche spielt, dann hat er keinen Spaß, sondern dekliniert Regeln. Der Deutsche spielt nicht, er führt Krieg. Kotze es was es wolle.

Ich will mich erschießen. Ich liege eh schon heillos hinten. Eine 7 nach der anderen, ich würde nicht mal im Sitzen mein eigenes Arschloch treffen, müsste man dort die Kugel platzieren.

Minigolf ist langweilig. Ich finde die Inschriften der Teenager an den Wänden viel interessanter. Sie sind stets Zeugnis des gegenwärtigen Zustands der Jugend.

Bibi liebt Tuc Tuc:

Und Schnuppelmäuschen das Schnuppelbärchen. Seit 2012 schon.

Meine Güte, ist die Jugend harmlos. Vor ein paar Jahren noch hätte da „Fuck the system!“ gestanden. Oder „A.C.A.B“.  „Haut die Bullen platt wie Stullen“. Oder wenigstens ein Anarchie-A, wenn nicht gar das Hausbesetzer-N mit Pfeil.

Heute ist überall nur Liebe, wohin man schaut: Mehmet + Maja. Schakelyne + Malte. Wynona liebt Ercan liebt Nurdagül liebt Thorben liebt Francois liebt Schayenne liebt Angelina. Ha!

Und es geht nicht ohne das unvermeidliche YOLO:

Mit Erklärung drunter. Denn manche wissen vielleicht nicht, was dieser Wahlspruch der Jugend bedeutet: Nichts. Er bedeutet nichts. Aber keine Sorge, das ist völlig unschädlich wie diese Jugend, die so etwas an Wände schreibt. Die Jugendlichen sind harmlos, keine Gefahr. Sie nehmen ja auch keine Drogen mehr. Sie trinken immer weniger. Steht in jedem Zustandsbericht. In jeder Shell-Studie. Sie werden immer gesünder. Weniger Fleisch. Mehr Sport. Treppe statt Aufzug. Du bist Deutschland. S-Bahn-Surfen geht auch nicht mehr, weil man die Türen nicht mehr aufstemmen kann, aber selbst wenn es noch ginge, würden sie es nicht tun. Gesprayt wird kaum noch. Gataggt auch immer weniger und wenn, dann Herzchen. Sie sind fleißig, höflich, freundlich, angepasst, ganz im Gegensatz zu ihren Großeltern, den aktuellen Rentnern, dem Pack, die drängeln, schieben, rempeln, pöbeln alles weg, was der Selbstverwirklichung mit 75 im Weg steht.

Ja, das scheint mir die erste Jugend zu sein, die keinen flächendeckenden Blödsinn mehr macht, die nicht mehr am Rand des Zumutbaren balanciert, die nicht mehr das Mark des Lebens in sich aufsaugt, sich nicht ausprobiert, keine Chaostage mehr veranstaltet, keine Grenzen austestet, sie nicht mal gelegentlich überschreitet und erst recht nicht mehr für irgendwas besseres kämpft. Und sei es meinetwegen nur für die Legalisierung von Dope. Wie auch? Wenn ich hier in den Straßen jemanden kiffen sehe, dann ist der über 40. Manchmal sogar über 60. Sie nehmen ja nicht mal mehr Poppers, damit der schnelle Fick zwischendurch schön im Fliegen zelebriert werden kann. Nix.

Denn die Ehe ist wieder im Kommen. Alte konservative Werte aus den muffigen 50ern feiern Renaissance und werden hochgehalten. Der Trauschein vom Amt ist inzwischen auch Homosexuellen heilig. Dafür wird gekämpft. Und für das Ehegattensplitting.

Die Jugend ist so zahnlos und brav, dass mir die Füße einschlafen, wenn ich darüber nachdenke. Man ist sich so merkwürdig einig, nur nirgendwo anzuecken, niemandem wehzutun. Keine Alternativen in Sicht. Alle halten sich an die Regeln und es ist wieder soweit: Der Rasen wird endlich wieder nicht mehr betreten, es herrscht wieder Ordnung, Religionen aller Art feiern ihre Auferstehung, das Formular für die Grundsicherung wird ordnungsgemäß ausgefüllt, fristgemäß eingereicht und sie zücken die Fahrkarten schon, wenn jemand von weitem auch nur nach Kontrolleur aussieht, ein jeder an seinem Platz, selbst die Punker schrauben die Stimme eine Oktave höher und bitten ganz demütig um Verständnis beim Schnorren, während die Rollator-Rocker in ihren fleischfarbenen Strumpfhosen auf der Zielgeraden ihres Daseins beim S-Bahnfahren alles wegpöbeln, was nicht schon vor zwei Minuten vorauseilend vom Sitz aufgestanden ist.

Und die Überwachung? Der schlimmste Schnüffelskandal seit den Riechproben der Stasi? Ach lass mir meine Ruhe. Ich hab‘ doch nix zu verbergen ™, es steht außerdem eh schon alles bei Facebook auf meiner Pinnwand, inklusive, dass ich mit Phillip aus meinem Ausbildungsjahrgang befreundet bin, dessen kleine Schwester gestern unter dem Video der ägyptischen Muslimbrüder „Gefällt mir“ geklickt hat. Außerdem hat mich Tuc Tuc heute abend via Facebook-Event in den Bubble Tea-Laden eingeladen. Das ist der mit dem versteckten Durchgang zur Salafistenmoschee. Ich hab‘ doch nix zu verbergen.

So friedlich und kritiklos wie die Jugend vor sich hin lebt, werden deren Kinder wahrscheinlich wandelnde Dynamitstangen aus purem Zorn, weil man so viel Mehltau von den Erzeugern nicht erträgt. Da freu‘ ich mich drauf und schwenke vor Begeisterung jetzt schon die Gehhilfe, die ich noch gar nicht habe.

Denn wir haben eine bessere Welt nicht geschafft, wir haben nur gegen Kohl demonstriert, Schröder gewählt und Hartz IV bekommen. Die, die jetzt nach uns heranwachsen, werden es auch nicht schaffen. Sie werden es auch gar nicht wollen, denn sie studieren Jura. BWL. Was Kaufmännisches. Weil man damit was werden kann. Wahrscheinlich Banker. Oder Investmentberater. Die nächste Bubble am Market kommt bestimmt. Zur Not geht immer noch Versicherungsmakler, wenn gar nichts mehr geht. Versicherungen kauft der Deutsche immer. Egal gegen was.

Hier stehe ich, kann nicht anders und bin wahrscheinlich der einzige Mensch, der beim Hipster-Schwarzlicht-Tourifallen-Minigolf vor lauter Ödnis Gedankengänge wie diese gebärt, während er die harmlosen Kritzeleien an der Wand liest. Vielleicht ist das alles hier auch einfach nur Ablenkung, weil die guten alten „Eine andere Welt ist möglich“-Parolen in Wahrheit auf dem Damenklo stehen, wo ich sie nicht sehen kann.

Game over. Born to lose. Ich bin haushoch Letzter beim Minigolfen geworden und mache mir das fünfte Bier auf. Yolo.


Schwarzlicht-Minigolf-Berlin
Görlitzer Str. 1

Görlitzer Park, Haus 1
Kreuzberg

 


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