Tattoo Convention: Not und Elend und Peinlichkeiten

Am Wochenende war wieder Tattoo Convention. Oje. Ich war da vor zwei Jahren mal. Was für ein Elend.

Tattoo Convention. Haushaltswarenmesse. Tattoo Convention. Haushaltswarenmesse. Was ist cooler? Schwer zu sagen. Seit jeder Rönny-Ricardö aus Rathenow an der Havel und jede Schiara-Scheyenne aus Eisenhüttenstadt zugehackt bis unter die verpickelten Achseln mit grottenschlechten Tattoos rumlaufen und sich zur Erbauung der geistig Armen jeden Tag bei RTL 2 zu Quotenwurst verarbeiten lassen, ist es fast schon peinlich geworden, überhaupt eines zu haben.

Die bedauernswerten Freakmodels von der RTL 2-Primetime sind natürlich auch auf der Tattoo Convention zu sehen, nur reiben sie sich hier nicht gegenseitig in der Badewanne mit Ahornsirup ein, sondern laufen durch die Gegend wie sie glauben, dass interessiertes Fachpublikum auf einer richtigen Messe rumlaufen muss: Wichtige Miene (böse), wichtige Gestik (Schultern raus, Arme vom Körper abgespreizt runterhängen lassen, Modell Dschihad der Türsteher vom Pascha Club, was aber nur bei breiten Schultern wirkt – die sie nicht haben) und vor allem kennerhafte Floskeln („Dit Schmettalinksmotiv habbick oooch! Anna Schulta!“).

Es gibt hier auch Künstler, natürlich, wer sich hier präsentiert, der kann was, aber das interessiert nur die wenigen Interessierten, die sich interessieren. Das gefühlte Promille der Besucher.

Der Rest post sinnlos in die Gegend als flanierten wir hier gerade gemeinsam mit irgendwelchen dürren F-Promis für Taff auf Pro 7 die Friedrichstraße auf und ab und gammelten nicht auf einer ranzigen Tattoo-Convention irgendwo im Niemandsland herum.

Hier freuen sich auch viele alte verwaschene Muscleshirts aus Nachwendezeiten mit Iron Maiden-Aufdruck, dass sie heute endlich mal wieder außerhalb eines McFit-Studios angezogen wurden. Auch die gleichalten Bauchfrei-Shirts, deren Besitzerinnen sich das Bauchfrei das letzte Mal in den geschmacklosen 90ern hätten leisten können ohne groß aufzufallen, erleben hier ein Revival und zeugen von der unglaublich weit verbreiteten Blödheit, sich vor der Schwangerschaft den Bauch mit Arschgeweih-Tribalversuchen tätowieren zu lassen, die sich durch die Schwangerschaftsstreifen wahlweise in ein Desaster oder in Kindergekrakel oder in beides verwandeln, was dann wieder bei Britt Hagedorn tränenreich beklagt werden kann („Ich habe mir den Bauch völlig versaut und sehe aus wie das Freakmodel, das ich bin. Heiratest du mich trotzdem? Ja? Nein? Vielleicht?“).

Während ich deswegen immer noch lache und mich freue, platzt ein Honk neben mir vor Ehrfurcht, als er ein kaum noch erkennbares Knast-Tattoo eines der überall herumlungernden Hells Angels berühren darf, die das Berliner SEK bei der letzten Runde kollektiven Abhaftens irgendwie übersehen haben muss. Boar Alter hier, boar Alter da, wie geil, wie fett, wie edel, wie hammer, Alter, du bist Gott, Alter…

Und ich will aufhören zu lachen, allein ich kann nicht. Es ist zu komisch. Wie bekifft lache ich mich durch die Messe. Jeder drittklassige Comedian könnte hier Goldschätze heben, wo kommen diese Leute nur alle her?

Irgendwo spielt eine Garagenband Garagenmusik und kann es nicht. Natürlich nicht. Das Bühnenprogramm ist sowieso an Langeweile nicht zu überbieten, man könnte die Haushaltsdebatte im Bundestag auf eine Leinwand projizieren und mit weißem Rauschen unterlegen – es wäre eine Verbesserung.

Später sehe ich eine Uroma aus England sich mit blonder Nuttenperücke auf der Bühne lächerlich machen – komplett zugehackt bis hinter die hängenden Schamlippen. Sie singt. Sie tanzt. Dann hebt sie den viel zu kurzen Rock, schwenkt die Perücke, lacht ihr zahnloses Lachen und zeigt ihre fast schwarzgemalte Glatze.

Ich bin einer der wenigen traurigen Irren, die sich das würdelose Kuriositätenkabinett reinziehen und lache nun nicht mehr, weil es nicht zum Lachen ist.

Ich weiß, ich soll Respekt vor dem Alter haben, aber ich kann nicht. Hier nicht. Heute nicht. Ich muss gehen, ich komm‘ nicht wieder, kein Bock mehr auf so viel Elend. Es bleibt dabei: Wenn ich Elend sehen will, fahr‘ ich S-Bahn. Mehr muss nicht.

 

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