Przystanek Woodstock

Feiern können sie, die Freunde im schönen Nachbarland Polen.

Das Festival Przystanek (Haltestelle) Woodstock in Kostrzyn nad Odrą ist ein großartiges Musikfestival über volle drei Tage, das keinen Eintritt kostet – initiiert von dem fantastischen Jerzsy Owsiak, einem Enthusiasten, wie ich ihn mir hierzulande wünschen würde: Empathisch, charismatisch, sozial. Einer, der etwas auf die Beine stellt. Einer, der hilft. Einer, der mitreißt. Ein großer Mensch.

Die Bandbreite des Festivals reicht von Metal über Reggae und Ska bis zu polnischer Polka und Hare Krischna-Gesängen.

Gezeltet wird dort, wo Platz ist. Das kann gerne mal ein paar hundert Meter neben der Hauptbühne sein, irgendwo auf einem Bürgersteig des benachbarten Industriegebiets oder irgendwo im Wald.

Natürlich gibt es auch eine Schlammkuhle. Die Kunst besteht darin, möglichst nah ranzukommen, um vernünftige Fotos schießen zu können, ohne dabei von den Irren in Klamotten in den Schlamm gezogen zu werden.

Relativ friedlich ist es hier, wenn man von den vielen verpeilt Schwankenden absieht, die bevorzugt an meine und wahrscheinlich an alle anderen entgegenkommenden Schultern prallen. 450.000 Besucher dieses Jahr, eine Zahl, die in Deutschland mit diesem relativ lockeren Konzept undenkbar ist, weil so etwas hierzulande in dieser Größenordnung gerne mal ausartet, zumal wenn ohne Einlasskontrolle veranstaltet. In Polen geht das und funktioniert auch.

Die polnischen Frauen kombinieren das Sommerkleid gerne mit Kampfstiefeln und es sieht hervorragend aus. Manch polnischer Mann tut dies auch. Das sieht leider nicht ganz so hervorragend aus.

Überhaupt sind die Besucher des Festivals im Schnitt tiefenentspannt und wohltuend unaufgeregt, trotz der Massen an Leibern und der Temperaturen. Nice.

Die Deutschen hingegen erkennt man sofort am verkniffenen Gesichtsausdruck über dem Böhse Onkelz-Shirt und manchmal sogar an den Adiletten mit den unvermeidlichen weißen Tennissocken. Wenn man kein Polnisch spricht und was wissen will, geht man zu denen, die augenscheinlich am wenigsten Spaß haben und spricht sie auf Deutsch an. Das klappt immer.

Harter Alkohol und Drogen sind offiziell verboten – woran sich aber keiner hält. Die einfachste Methode ist, den Fusel (Rum/Wodka/Whisky) mit Cola verdünnt in einer Colaflasche mit sich herumzutragen. Kontrollen finden nicht statt, auch keine Atemkontrollen. Dennoch bleibt es sehr friedlich, Polizei ist nur weiträumig um das Gelände herum zu sehen, auf dem Gelände gar nicht.

Bier gibt es nur vom Hauptsponsor und auch nur an einer völlig überlaufenen Ecke des Hauptplatzes. Die Bierversorgung ist daher klar mangelhaft. Man steht zweimal in der langen Schlange: Einmal, um Jetons zu lösen und dann noch einmal für das Bier. Naja.

Wer ansteht, schleppt daher das Bier gleich palettenweise raus, um vorzusorgen. Man sollte zudem versuchen, vorher gekaufte Vorräte im Kofferraum des Autos in Kühltaschen zu lagern, um dann immer schnell und unkompliziert darauf zugreifen zu können. Die nachträgliche Bevorratung in den Supermärkten der Stadt oder vom einzig für das Festival eröffneten Lidl auf dem Gelände kann man vergessen. Für den Lidl steht man stundenlang an und der Fußweg in die Stadt zurück ist zu lang.

Positiv ist, dass man oft in Euro bezahlen kann, was zum Beispiel bei der Essensausgabe wichtig ist, wenn mal wieder die Złotys ausgegangen sind. Auf der Straße mit den Büdchen, an denen Mützen, Shirts, Ketten, Badges und sonstiger Kram gekauft werden kann, gibt es zwei Preise: Einen für Polen, einen für Deutsche. Als Deutscher ohne polnische Begleitung zahlt man natürlich immer drauf und man wird auch als Deutscher erkannt, wenn man so tut, als wäre man Pole. Oder Tscheche. Oder Tschetschene.

Das kulinarische Angebot ist fettig und reichlich. Und weil wir in Polen sind, immer mit Kohl und Kraut angereichert. Der Kohl und das Kraut sind überall, im Hotdog, im Hamburger, zum Schaschlik, zur Wurst, zum Schnitzel. Nur nicht in der Waffel, die hier auf dem Festival als Beigabe zur Schlagsahne daherkommt.

Diese stark einseitige Ernährung hat zur Folge, dass sich im Darm schon nach wenigen Stunden ein giftiger Gärschlamm bildet, der sich erst wieder mit der Zuführung vitaminreicher Kost zuhause auflöst, dann aber eruptionsartig. Darüber hinaus schafft der Gärschlamm durch seine kohl- und krautbedingte Abluft nachts im Dreierzelt eine sehr hartnäckige und dauerhafte Kontaminierung der Atemluft, so dass man das Zelt nicht mit Zigarette oder gar offenem Feuer betreten sollte, um eine Explosion und den Abschuss des Zeltes in die nächstgelegene Umlaufbahn (oder zum Kometen Hyakutake) zu vermeiden.

Es ist hier auf dem Festival tatsächlich noch von Vorteil, wenn man als Mann auf die Welt gekommen ist und sein Revier überall im Stehen markieren kann, denn die Toiletten sind aufgrund der drohenden Verätzung der Atemwege unbenutzbar. Keine Ahnung, was die Leute so aus ihren Därmen kacken (wahrscheinlich den Gärschlamm, weil sie zwischendurch eine Orange gegessen haben), aber man geht besser im Wald. Dort riecht es am dritten Tag zwar auch nicht besser, aber man kann wenigstens flach atmen.

Die Feuerwehr aus Berlin-Marzahn war auch da. Ich fühlte mich sehr sicher.

Aber nicht wegen der Feuerwehr. Sondern weil das Festival eine unerklärlich entspannte Aura hat, die sich über allen und jeden legt.

Interessanterweise beteiligen sich die beiden Sekten Hare Krishna und Katholische Kirche an dem Festival und bieten jeweils eigene Bühnen mit entsprechender Folklore auf. Hare Krishna bietet darüber hinaus auch kostenlose Armenspeisung für diejenigen an, die sich das reguläre Essen nicht leisten können und mich um das abgefressene Ende meiner Krakauer Wurst und die unvermeidlichen Krautreste auf dem Teller bitten.

Die katholische Kirche bietet zwar keine Armenspeisung an, dafür aber Seelenheil in Form der über das Festival stromernden Priestern mit ihren schwarzen Gewändern, die neben Gespächen auch Sofort-Segnungen anbieten, was besonders gut kommt, wenn auf der Hauptbühne – wie vor zwei Jahren – gerade die Band „Heaven shall burn“ spielt.

Ich habe mich segnen lassen und bin jetzt gesegnet.

Der Hauptsponsor Carlsberg ist ein Fuchs und bietet für eine gewisse Anzahl abgelieferter Bierdosen und Plastikbecher ein Festival-Shirt oder andere Devotionalien an, was zur Folge hat, dass immer Leute rumlaufen, die den Müll aufsammeln, um ihn gegen Sponsorenware einzutauschen. Und am nächsten Tag sieht der Festplatz jedes Mal aus wie geleckt. Clever.

Ja, das Festival ist eine ernsthafte Alternative zum parallel stattfindenden Wacken-Festival, denn es ist kostenlos, verhältnismäßig gut organisiert, friedlich-ausgelassen und das Lineup kann sich mittlerweile sehen lassen. Und ganz wichtig: Dass hier jemals Heino auftritt, ist so gut wie ausgeschlossen, denn hier ist Polen, da fährt Heino nicht hin.

Ich behaupte, dass so etwas in dieser Größe und ohne effektive Einlasskontrolle in Deutschland nicht funktionieren würde. Dort würden sich die verschiedenen Gruppen Hools, Politarschgeigen und Nazis schon nach wenigen Stunden die Köpfe einschlagen, bevor dann die Hells Angels kommen und mit dem Rest den Boden aufwischen.

Wenn das Festival jedoch weiter in dieser Größenordnung wächst, fürchte ich, dass auch hier dieses Konzept („Love. Peace. Wir haben uns alle lieb. Umsonst und draußen. Ohne Kontrollen. Tschiep Tschiep.“ ) nicht mehr lange durchzuhalten sein wird. Bis dahin: Party on. Nächstes Jahr wieder.


 

 

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