Staatssicherheit

Kälte springt mich an. Schon lange vor dem Eingang. Stahltor. Von weitem schon schwer zu ertragen, der ganze Komplex, das Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen, das heute eine Gedenkstätte ist.

Der Innenhof – auch hier ist alles grau kalt abstoßend. Stacheldraht. Alter Fassadenputz. Wachtürme. Grau grau und grau. Wie außen so innen.

Zellentrakte. Schläuche. Stahl. Linoleum. PVC. Auch grau. Und stinkt immer noch wie Kunststoff in der Sonne. Praktisch ist es vor allem deshalb, weil sich Blut davon so gut abwaschen lässt.

Es müffelt aus allen Ritzen nach Diktatur. Polizeistaat. Erziehungsanstalt. Oder wie früher in meiner Schule, die auch so ein funktionaler 60er-Jahre-Zweckbau ist. Bunker. Funktion. Systematik. Effizienz. Grau als Ideologie. Beugehaft. Ich biege und ich beuge dich.

Der Fremdenführer war früher selber hier zu Gast. Das merkt man ihm deutlich an. Es schwingt viel Bitterkeit mit in seinem Reden. Ich sehe ihm die versuchte Einflussnahme auf meine politische Willensbildung nach, denn beim Anblick der Nasszelle, in der Gefangene viele Stunden mit nackten Füßen im knöcheltiefen kalten Wasser zu stehen hatten, wird mir selber ganz bitter und mein Hals schnürt sich zu.

Schlimmer sind dann nur noch die Verwaltungsbüros in den oberen Etagen, die immer noch eine bürokratische Normalität vortäuschen, als befände man sich in einer normalen Meldestelle und nicht in einem Gefängnis der Staatssicherheit. Mit dieser Normalität hat man einige Zeit vorher auch Konzentrationslager verwaltet.

Man muss solche Orte erhalten. Hier muss man zumindest einmal gewesen sein. Um die Brutalität, die Kälte, das systematische Brechen von Menschen nachempfinden zu können. Um geimpft zu sein gegen das, wozu Menschen fähig sind.

Gerade in Zeiten, in denen wieder schrankenlos ausgeleuchtet wird, der Mensch wieder gläsern gemacht und jede kleinste Kommunikation verdachtsunabhängig überwacht wird, rückt vor der Kulisse eines solchen Ortes so deutlich ins Bewusstsein, wie schnell es gehen kann und plötzlich die Falschen alle fiesen Instrumente von Herrschaft in der Hand halten können und wir uns unvermittelt wieder an genau der Stelle wiederfinden, an der wir mehrmals schon waren: Machtmissbrauch. Unterdrückung. Mundtot machen. Angst.

Heutzutage geht es auch wieder um Staatssicherheit. Am Flughafen tastet man meine Genitalien ab, bei Staatsbesuchen müssen Bürger an der Wegstrecke der Staatenlenker in ihren Wohnungen bleiben und dürfen die Fenster nicht öffnen, man kesselt stundenlang friedliche Demonstrationen ein oder knüppelt sie auseinander, wenn ich einen Reisepass will, muss ich wie ein Krimineller meine Fingerabdrücke abliefern und die Onlineaktivitäten von Facebook, Clouddiensten bis zu den sinnlosesten E-Mails meiner besoffenen Kumpels werden flächendeckend von Geheimdiensten überwacht – mit dem Effekt, dass Bürger wieder Besuch zuhause bekommen, wenn sie zum Beispiel das Falsche googeln oder einen Spaziergang ankündigen.

Hohenschönhausen. Da endet so ein Weg, der immer mit Angst zu tun hat. Angst ist der Nährboden, der Dinge wie diese möglich macht. Der Staat hat Angst vor dem Bürger, also muss der Bürger Angst vor dem Staat bekommen. Zivilgesellschaft? So nicht.

Ich sah eine Schulklasse, still, betroffen und irgendwie erdrückt von dieser schieren Macht an geballter Geschichte, die auf ihre derbe Art immer noch so lebendig und nah wirkt. Kein Handyklingeln, kein Geblöke, kein Facebook. Ob sie die Parallelen sehen? Sie denken zumindest nach. Das sieht man.

Hohenschönhausen. Es braucht nicht viel Empathie, um sich hier schwer zu fühlen. Und auf dem Weg nach Hause klingen zwei Worte lange nach: Nie wieder.


Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
Genslerstraße 66
13055 Berlin


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