Apotheken in Bionadeland

Wenn man krank ist und in Prenzlauer Berg in einer Apotheke um Rat fragt, bekommt man keine Medizin empfohlen, sondern immer erstmal Homöopathie.

„Guten Tag, ich hab‘ seit Tagen so einen dicken brauen Schleimklops im Hals, ich spuck‘ den immer wieder auf irgendwelche im Weg stehenden Fahrräder, aber der bildet sich immer wieder neu.“

„Das trifft sich gut, ich habe da was Homöopathisches für Sie. Hiervon bitte jede halbe Stunde zweieinhalb Tropfen unter die Zunge und ins linke Ohr während Sie auf einem Bein stehen, dann geht das weg. Macht 12,99 bitte.“

Der Scheiß schmeckt wie Metaxa und nach zwei Tagen hat sich der Schleimklops verdoppelt und in die Nase fortgepflanzt. Mehr ist nicht passiert.

„Guten Tag, mein Kind hat Bauchkrämpfe und Blähungen, ich bräuchte da mal was, das hilft.“

„Das trifft sich gut, ich hab da was Homöopathisches für Sie. Drei Tropfen von dieser Hefe-Kampfermischung jede Dreiviertelstunde auf den Bauch, dazu das Pippi-Langstrumpf-Lied singen und sich im Kreis drehen, dann ist das im Handumdrehen weg. Macht 11,45 bitte.“

Natürlich geht das nicht weg, das Zeug riecht wie Hundepisse und das Kind bekommt zusätzlich Dünnpfiff aus der Fäkalhölle, der erst mit echter Medizin aus einer Apotheke im Wedding weggeht.

Der Gipfel sind immer diese bleiernen Diskussionen, bei denen ich mir vorkomme, als diskutiere ich mit AStA-Vorsitzenden über die Vorteile von Sex oder mit Veganern über den Gargrad eines T-Bone-Steaks:

„Das trifft sich gut, ich hab da was Homöopa…“

„Nee, bitte nicht was Homöopathisches, was anderes bitte. Homöopathie wirkt bei mir nicht, noch nie. Sorry.“

„Das kann nicht sein.“

„Ist leider so. Ich will Ihnen das nicht madig machen, ich freu mich über jeden, bei dem das wirkt, bei mir tut es das eben nicht.“

„Dann haben Sie das falsch angewandt.“

„Hab‘ ich nicht.“

„Muss aber. Sonst würde das wirken.“

„Nein, ich habe es immer genau angewandt wie vorgeschrieben, auch wenn ich mir zur Einnahme Zöpfe in die Arschhaare flechten und dabei einen Kopfstand machen muss.“

„Sie müssen was falsch gemacht haben. Wir haben viele Kundinnen, die schwören drauf. Ich selber …“

„Hören Sie, ich glaub‘ einfach nicht daran, okay, deswegen wirkt das wahrscheinlich auch nicht. Tut mir ja auch leid. An die unbefleckte Empfängnis glaub‘ ich auch nicht, deswegen haut das bei mir auch mit dem Beten nicht hin. Hab’s ja versucht, aber ich krieg das Grinsen nicht aus dem Gesicht. Buddha, Mohammed, Ganesha, Homöopathie – jedem sein Glauben, nur mit mir bitte nicht. Ungläubiger bleibt Ungläubiger. Geben Sie mir jetzt bitte die fette Chemiekeule aus Leverkusen. Dann ist morgen meine Erkältung weggeätzt.“

„Sie sollten es wirklich nochmal probieren, es ist viel bekömmlicher.“

„Hören Sie, Sie glauben gar nicht, welche Mühe es mich kostet, bei fruchtlosen Diskussionen wie diesen freundlich zu bleiben. Ich lasse mich seit Jahren immer wieder breitschlagen, die in Prenzlauer Berg allgegenwärtige Homöopathie auszuprobieren, die mir den Geldbeutel effektiver leert als jeder Stromanbieter das könnte, nur um dann jedes Mal nach einer Woche ohne Besserung genau jenes Mittel zu nehmen, das ich von Anfang an hätte nehmen sollen. Also: Chemie. Den Junk von der gierigen Pharmalobby. Bitte. Jetzt.“

Ohne ein letztes Wort geht es natürlich auch hier nicht: „Bitte, es ist ja ihr Körper. Das macht 5,99.“

Apotheken in Prenzlauer Berg – ein Hort von Eiferern. Demnächst fahr‘ ich wieder nach Wedding rüber, wenn ich Medizin brauche. Das ist weniger Arbeit.

 

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