Eso-Overkill

Die Eso-Plakate werden auch immer größer hier in Prenzlauer Berg.

Mariananda lädt ein: Muster und Fixierung – die neuen Farben der Seele. Befreiung vom inneren Richter. Bindung und Freiheit – Der Diamant in deiner Tasche.

Was mag das Klientel wohl für Probleme haben?

„Buhäää, ich hab‘ den ganzen Kiez aufgekauft, renoviert und befriedet. Jetzt ist es total ruhig hier überall und alle hassen mich. Buhää Buhää.“

Oder: „Rabäää, ich fress‘ den ganzen Tag nur Bioschonkost und habe trotzdem Bluthochdruck, während mein Nachbar, der den Müll nicht trennt und nur Junk frisst, bessere Laborwerte hat als ich. Rabää Rabää.“

Vielleicht auch: „Wääää, ich habe so viel Zeit und Geld, deshalb sitze ich hier in meinem pastellfarbenen Altbau zwischen meinen handgebeizten Feng-Shui-Möbeln auf meinem biologisch abbaubaren Kirschkern-Jute-Sitzsack herum und weiß nichts mit mir anzufangen, seit die Kinder ganztags in der Schule sind. Mir fehlt Sinn. Wäää Wäää.“

Ich habe den Eindruck, ich bin nur noch von Bekloppten umgeben. Von unzähligen Plakaten grinst Sri Chinmoy auf mich herab und salbadert seine Nichtigkeiten in die Welt, dicke indische Gurus mit fettigen Haaren bieten geistige Erbauung feil und an jeder Ecke kann man Lebenshilfe für Lebensuntüchtige kaufen. Heilsteine. Räucherstäbchen. Geweihtes Wasser. Teppiche aus Chiapas zum Anziehen. Mariananda möchte mich von meinem inneren Richter befreien.

Und jeder abgebrochene Student wird jetzt Guru, macht seine eigene Sekte auf und zieht den Bekloppten das Geld aus der Tasche.

Armes Volk. Da sitzen sie nun herum in ihren Eigenheimen mit Stuck in pastellgrün, haben sich aus Peru importierte Natursteine und Tücher mit nepalesischer Yakhufenkunst aus Fingerfarben an die Wand geklebt, trinken Yogitee-Kombucha-Mix aus von Montessorischülern selbstgetöpferter Keramik, versuchen, sich selbst zu finden und zahlen dafür Beträge, von denen drüben im Wedding eine vierköpfige Familie einen Monat lang überlebt.

Prenzlauer Berg. Ja, uns geht es gut hier. Nein, andere Probleme haben wir nicht mehr. Nur noch der innere Richter, von dem wir uns unbedingt befreien müssen. Und dabei hilft uns Mariananda. Prosit Prenzlauer Berg, auf die neuen Farben deiner Seele.

 

 

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