Sleepless in Prenzlauer Berg

Was macht man, wenn man nach Mitternacht hellwach in Prenzlauer Berg rumhängt und nicht weiß wohin, weil alles geschlossen hat als wäre das hier Sindelfingen, Gießen oder Unterhaching?

Eselsbrücke. Hier ist er, einer der wenigen seit den Neunzigern unveränderten Orte, vor Rauch stinkend, abgekämpft, runtergerockt, guter alter Whisky hinter der Bar, gnädig-dunkel, nur Kerzen bringen ein wenig Licht, damit man überhaupt weiß, wer da gegenüber eigentlich sitzt und im Zweifel genauso abkeimt wie man selber.

Es ist mein Wohnzimmer.

Mit Klo.

Und Sinnsprüchen zur Erlangung von Lebensweisheit.

Verdammt, Berlin, für den da hast du es nicht gemacht.

Früher standen an den Wänden der Kneipenklos revolutionäre Parolen, Sinnsprüche gegen den Mainstreamgeist, gegen Kapital, Führer, Volk und Vaterland. Und gegen Springer.

Oder Zitate von Gandhi, Lao-Tse oder wenigstens Willy Brandt.

Heute das da. Eine Liedzeile von Kelly Clarkson. Diese Jugend ist zahnlos. So furchtbar handzahm. Und man bemerkt es zuerst auf dem Klo.

Harmlosigkeit greift um sich. Gesellschaftsweit. Auch hier. Im Klo von meinem Wohnzimmer. Eines der letzten seiner Art – noch nicht rausgeklagt, noch nicht wegsaniert. Noch immer stinkend, noch immer düster.

Bleib.

Bitte.


Eselsbrücke
Gethsemanestraße 11
Prenzlauer Berg


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