Jetzt nimm doch bitte mein Geld, Schneiderin

Ich weiß nicht, wie diese Vietnamesen das machen. Mit dem Mut der Verzweiflung eröffnen sie Geschäfte aller Art, die meisten sichtbar defizitär: Kioske, Nagelstudios, Schneidereien und diese Thaimassagesalons, in denen sie den lieben langen Tag damit zubringen, dicken schwitzenden Männern zu erklären, dass das hier kein Puff ist.

Und das machen sie auch noch mit Vorliebe in der Wichertstraße, dieser alten räudigen Seuchenecke, in der nur die durchgeknalltesten Läden überleben.

Diese kleine vietnamesische Änderungsschneiderei ist ein Gewinn für den Kiez. Hier zeigt sich wieder der Mentalitätsunterschied, den dieses freundliche Volk in dieser Stadt so besonders kontrastreich lebt: Sie freuen sich. Den ganzen Tag. Über jeden Kunden, der den Laden betritt. Den strahlen sie an, als wäre es der seit Jahren verschollene Bruder/Enkelsohn/Erbonkel. Was für eine Freude.

Wenn ich dann auch noch vorher bei Obi, auf dem Bezirksamt Pankow oder zu allem Überfluss in Brandenburg war, erleide ich vor lauter kulturellem Wechselbad einen Endorphinschock, noch bevor ich meine komplett am Arsch eingerissene Lieblingshose auf die Theke gelegt habe.

Mir fehlt oft mal auch nur ein Knopf. Oder ich habe ein kleines Loch in der zugigen C&A-Billigjacke. So etwas bringe ich dann in die Wichertstraße, weil ich nicht nähen kann. Doch ich muss kämpfen, dafür bezahlen zu dürfen.

„Nei, is umsonst.“

„Nee, bitte, 2 Euro, wenigstens 2 Euro.“

„Hat doch nur gedauert eine Minute. Nei, kostet nicht.“

„Bitte…“

„Nei, bitte, is umsonst.“

Ein Kampf. Da bin ich deutsch. Jemand tut was für mich. Ich gebe was zurück. Sonst stehe ich am Ende in einer imaginären Schuld und da steht niemand gern, dessen Moralgerüst noch halbwegs in Ordnung ist.

Aber was tun, wenn derjenige nichts will?

Ich stecke das Geld dann immer dem kleinen Sohn zu, der da drin ab und zu abhängt (wahrscheinlich immer dann, wenn er gerade Pause von der Schule macht, damit der Abstand zu den deutschen Pisa-Verkackern nicht zu groß wird und er unangenehm auffällt). Der freut sich über das Geld und mein inneres Gleichgewicht ist wieder hergestellt.

Ein schöner Ort. So freundlich. So günstig. So gar nicht Prenzlauer Berg.

Manchmal, wenn ich merke, dass ich schon wieder Monate nicht in der Änderungsschneiderei war, spiele ich mit dem Gedanken, mir mutwillig eine Hose ein- oder von meinem Hemd den Ärmel abzureißen, nur um dieses kleine grundsympathische Lädchen zu unterstützen, von dem ich will, dass es bleibt.
Diem My – Änderungsschneiderei
Wichertstr. 66
10439 Berlin 

 

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