Bernau: Abseits der Alkopop-Nazis

Es gibt wenig, was mich nach Brandenburg treibt, außer wenn ich auf der Durchreise bin zu Orten, an denen freundliche und fleißige Menschen wohnen. Polen zum Beispiel. Will ich da hin, muss ich zwangsläufig durch Dunkeldeutschland und mich mit gelangweilten blauschwarz-platinblond-neonrotgesträhnten Schakelyne-Schakyras und ihren dicken blau-grünen Plastikfingernägeln an der Kasse von Autobahntankstellen herumärgern, die ihre heruntergewirtschaftete Kinderstube wie ein Banner vor sich hertragen.
Oft muss ich auch mitten in Brandenburg wegen akuten Hungers was essen und finde ums Verrecken nichts, was offen hat, außer McDonalds an der Autobahnabfahrt, an dem sich die Dorfjugend mit ihren tiefergelegten lila Ford Escorts mit lächerlichen Heckspoilern trifft, Doppelauspuff aufheulen und Landser aus der Bassrolle röhren lässt und sich schöfferhofer-kaktusfeigebesoffen dafür bedauert, dass alle Fidschis, die man vor lauter Langeweile noch hätte klatschen können, schon lange das Weite gesucht haben – zusammen mit allen jungen Frauen, die noch was auf sich halten und mehr vom Leben erwarten als Wodka-Cola, Nazirock und Tankstelle.
Bernau liegt zwar in Brandenburg, lässt aber alle Attribute vermissen, die ich normalerweise mit Brandenburg in Verbindung bringe: Keine Nazis, kein Mangel an gutaussehenden Menschen, die aufrecht gehen und ohne Grunzlaute sprechen können, und einmal im Jahr passiert sogar mal was. Nämlich immer dann, wenn die Hussitenfestspiele sind. Dann wird die mit üppigen Westsubventionen wiederhergestellte Altstadt (Hallo Gelsenkirchen, du lässt für sowas Schönes dein Panorama den Bach runtergehen, sehr geil, danke dafür) ganz besonders herausgeputzt und die Ritter, Gaukler und Schalmeienspieler halten Einzug in die Stadt.

Ja, das haben sie sehr schön gemacht, das mit den Festspielen da in Bernau, zumindest innerhalb der Mittelaltereinzäunung. Für den unvermeidlichen Saufpöbel, dem man in Brandenburg genauso wenig entkommen kann wie in der Simon-Dach-Straße in Berlin, hat man vor dem Mittelaltergelände einen völlig deplatzierten Jahrmarkt mit Karussell, Billigfressbuden und Autoscooter in den öffentlichen Raum erbrochen, der mit seinem Geblinke und Geblöke, seinem Gejaule und seinen Sirenen – Eingestiegen! Hereinspaziert! Eine neue Runde eine neue Wahnsinnsfahrt! – einen unerträglichen Kontrast zu den sehr schönen und liebevollen Ständen mit ihrem ganz eigenen Flair innerhalb des mit einem Zaun separierten Mittelaltergeländes setzt.Dieses versucht mit seinen Theaterspielen, seinen Konzerten und artistischen Einlagen, einen angemessenen kulturellen Rahmen zu stecken, scheitert aber manchmal schon damit, sich akustisch gegen den bimmelnden Jahrmarkt draußen durchzusetzen. Das ist zwar schade, aber wenigstens kostet das Mittelaltergelände Eintritt, so dass die schlimmsten Patienten lieber draußen bei ihrem halben Meter Abfallbratwurst und ihrem Sangriaeimer bleiben.

Wenn man es geschafft hat, den Jahrmarkt hinter sich zu lassen, dann warten viele kleine Ständchen, die zwar viel zu teures Handgemachtes feilbieten, aber gerade für Kinder ein spannendes Erlebnis sind.Sofern man aus Prenzlauer Berg kommt, wird ein astreines Déjà-vu geboten, denn die ganzen verkleideten Artisten mit ihren Wollblusen, Teppichumhängen und Filzlatschen sehen auf den ersten Blick aus wie Mütter aus Prenzlauer Berg. Ich hätte sie fast nicht als Darsteller erkannt, wären mir nicht ein Spanferkelbrötchen, ein Krug Schwarzbier und das komplette Fehlen von „Atomkraft nein danke“-Aufklebern aufgefallen.

Die Möglichkeit, sich vor den eigenen Kindern angemessen zu blamieren, hat man hier im Übrigen beim Bogenschießen mit handgefertigten Bögen und Pfeilen – ein unermesslicher Quell der Freude für die kleinen Ratten, wenn Papa vom Met benebelt nicht einmal den äußeren Rand der Scheibe, sondern nur den Baum zwei Meter daneben trifft.

Hübsch gemacht, Bernau! Hier zeigt sich, dass mit guten Ideen auch in Brandenburg was zu reißen ist, wenn man will. Der Erfolg gibt Recht. Vielleicht reicht es ja auch irgendwann mal für den Mut, den sehr schlimmen Ballermann-Jahrmarkt vor den Toren des sehr schönen und ansprechenden Mittelaltergeländes einzustampfen und das aufgrund des Besucheransturms mittlerweile aus allen Nähten platzende Mittelaltergelände auf die ganze Stadt auszuweiten. Die Lutherstadt Wittenberg kann das auch.
Nur Mut.

 


Bernauer Hussitenfest
Jedes Jahr am zweiten Juniwochenende 


 

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