Im Olympiastadion

Hurra.

Hertha ist wieder da.

Berlin ist wieder wer.

Für eine Saison.

Schick ist es, das Nazi-Stadion, in finsteren Zeiten gebaut in massiven Blöcken imperialen Stils wie das Tempelhofer Terminal oder Görings Reichsluftfahrtbundesfinanzministerium.

Ich bin da gerne. Im Ernst.

Doch was für eine Hypothek der Geschichte: Der Stadionkoloss, das Maifeld, die Stelen, die die Ringe tragen, der Glockenturm. Es ist wirklich unwirklich, wenn man alte Bilder der Aufmärsche auf dem Maifeld oder Adolf Hitler in einer der unzähligen Nazi-Dokus stolz wie Bolle in seinen absurden Reiterstiefeln über die Tartanbahn marschieren sieht. Das Schlimme ist dabei: Das ist wirklich passiert und es ist nicht Charlie Chaplin in der Persiflage – obwohl es so aussieht.

Was für eine Hypothek.

Aber es ist gut, dass man es seinerzeit nicht gesprengt hat, wie so vieles damals. Wahrscheinlich ist das Ding einfach so massiv, dass aller Sprengstoff, der 1945 noch in der zerbombten Stadt verfügbar war, nicht ausgereicht hätte, den Koloss auszuradieren. Wie bei Prora.

Gut so, denn der Kompromiss ist gelungen. Gut saniert. Vorbildlich saniert. Behutsam und doch konsequent saniert. Das alte Wuchtige trifft moderne Zweckmäßigkeit und das optisch durchaus angenehm. Mit blauer Tartanbahn. Damit die nicht mehr an Hitler und seine Reiterstiefel erinnert.

Ehrlich, ich bin gerne hier.

Manchmal sogar bei Hertha.

Aber nicht im Deppenblock, wo die Bierproleten ihre intellektuelles Elend in die Welt schreien und Affengeräusche mimen, wenn sie einen dunkelhäutigen Spieler auf dem Rasen entdecken.

Ich sitze.

Weit weg vom Spielfeld.

Weit.

Weg.

Und da sind wir auch beim Problem.

Hexenkessel ist anderswo. Betzenberg. Dortmund. Nah am Geschehen.

Hier nicht. Dabei mag ich Hexenkessel.

Die Stimmung ist oft auch weg. Und zwar genau ab dann, wenn Hertha das erste Gegentor kassiert. Was bald wieder öfter vorkommen wird. Dann ist gar keine Atmosphäre mehr da, von Anfeuerung ganz zu schweigen. Totentanz. Außer bei den Gästefans. Die freuen sich und singen. Die freuen sich aber auch und singen, wenn sie hinten liegen.

Nur der Hertha-Fan nicht, der ist sauer, grimmt und schwört, dass er seine Dauerkarte zurückgibt und nie wieder kommt. Seit vielen Jahren macht er das so. Sitzt da und will nie wiederkommen. Und ist überzeugt, dass Hertha das absichtlich macht, um ihn zu ärgern. Und warum? Weil der Hertha-Fan im Querschnitt ein Schönwetterfan ist – nicht wie bei Union in der Alten Försterei, wo die Fans der Mannschaft ein Stadion bauen, weil sie sich identifizieren, verschworen sind und ihre Mannschaft treu hoch und wieder runter durch alle möglichen Ligen begleiten.

Nicht bei Hertha. Hier haben die Nazis ein Stadion gebaut und nun sitzen da die Hertha-Fans drin und nehmen übel. Spieltag zu Spieltag. Leicht ist dieses Leben nicht. Da lebt man als Fan von Alba oder den Eisbären entspannter.

Aber lauschig finde ich es hier. Zugig manchmal, aber lauschig. Und wenn Hertha verliert macht mir das nichts, dann waren die anderen eben wieder besser. Als Berliner muss man eigentlich gewohnt sein, dass andere immer besser sind, insofern verstehe ich die Aufregung nicht, wenn es wieder einmal nicht für einen Erfolg gereicht hat.

Ich finde vielmehr, dass ein erfolgreicher Fußball-Club gar nicht zu Berlin passen würde, wie Erfolg generell. Ein Meisterclub wäre ein Raumschiff in dieser Stadt, ein Fremdkörper und würde einige Kleingeister nur wieder zu einer vom Erfolg anderer ausgeborgten Großkotzigkeit verführen, die man in Berlin immer dann so unangenehm nach außen trägt, wenn man ausnahmsweise mal was besser kann als andere.

Sind wir doch ehrlich: Wir können nix. Flughafen nix, S-Bahn nix, Stadtplanung nix, kaum ein Aufzug funktioniert, kaum eine Rolltreppe, Straßen kaputt, Finanzen im Arsch, Arbeitsmarkt tot und Fußball können wir bitteschön auch nicht. Das ergibt in seiner ganzen Konsequenz wenigstens ein rundes Bild meiner wunderbaren Stadt. Meiner wunderbaren Stadt der Verlierer.

Nein, mir macht es nichts, wenn Hertha verliert. Und wenn sie doch mal ein Tor schießt, mache ich mir auf meinem Sitzplatz einen der vielen in Unterhose und Bundeswehrstiefeln reingeschmuggelten Jägermeister auf, den die Pfeifen vom Ordnungsdienst wieder nicht entdeckt haben und sage Prost. Ha Ho He! Passt schon, alte Tante Hertha. Du bist halt Berlin. Du kannst es nicht, aber das macht nix.

 

 

img_20190116_2128194830293245704306769.jpg