Die verfluchte Tram M4

Die Hölle hat einen Ort auf Erden, an dem sie Hof hält: Die völlig überforderte Tramlinie M4 die Greifswalder Straße entlang.

Allerdings nur zu bestimmten Zeiten: Morgens zwischen 6.30 bis 8.30 Uhr und nachmittags von 15:00 bis 17.30 Uhr. Berufsverkehr. Stoßzeit. Das deckt sich passend wie Locher auf Aktendulli mit den Arbeitszeiten des Bezirksamts Pankow, ebenfalls eine Ausgeburt der Hölle, die auf dieser Welt ist, den Menschen dieses Bezirks das Leben möglichst noch schwerer zu machen.

Voll. Voll. Voll. Die Tram. So wie die Wartezimmer des Bezirksamts. Oder die bezirksamtseigene Terminwarteliste im Internet. Und oft kommt man nicht rein.

Mensch, BVG, baut doch eine U-Bahn, das bringt doch alles nix mehr. Da kommen die Straßenbahnen schon im Zwei-Minuten-Takt und sind trotzdem so rappelvoll, dass man sich entweder in der Achsel eines Mitfahrers wiederfindet oder irgendwelche semiattraktiven Menschen um Verzeihung bitten muss, weil man sich ohne es zu wollen an ihrem Hintern reibt.

Völlig verloren haben vor allem Gehbehinderte und Kinderwagenschieber, sie sind ohne Chance, weil zum einen fast ausschließlich die uralten Tatra-Gelenkwagen – vor Äonen noch von den tschechoslowakischen Genossen für die sozialistischen Brüder der DDR in mühevoller Handarbeit zusammengeschweißt – hier fahren, bei denen man steile Treppen überwinden muss, und zum anderen, weil man auch ohne Treppen gar nicht erst reinkommen würde, weil die Kiste bis Innenkante Wagentür komplett voll ist.

Man fühlt sich fast schon so zusammengequetscht wie bei der S-Bahn, aber von denen erwartet ja auch keiner mehr irgendetwas anderes als völlige Überforderung – im Gegensatz zur BVG, die – selten für Berlin – sogar noch einen Ruf zu verlieren hat.

Ja, sorry, BVG, ich versteh euch nicht. Da baut ihr eine nagelneue irrwitzig teure U-Bahnlinie durch das Regierungsviertel, wo vor lauter Dienstwagen eh keiner U-Bahn fährt, anstatt die Gelder dort zu versenken, wo sie gebraucht werden. Und gebraucht werden würden sie für eine U-Bahn die gesamte Greifswalder Straße hinauf bis nach Weißensee – ein dichtbesiedelter Ortsteil, der irrationalerweise noch nie in seinem Leben eine U-Bahn von außen gesehen hat, aber einen für Berlin enorm hohen Anteil an Menschen vorweisen kann, die ohne (Dienst-)Wagen zu geregelten Zeiten zur Arbeit fahren (müssen) – wie man jeden Morgen und jeden Nachmittag auf dieser Linie sieht. Verstehe das, wer will.

Aber wahrscheinlich ist das der gleiche Beweggrund, warum die sinnlose Stadtautobahn mitten durch eine Neuköllner Laubenpieperkolonie und quer durch Treptower Altbauten weitergebaut wird, wo sie ihren obligatorischen Stau nur ein paar Meter Richtung Osten verlagert, oder die erweiterte U-Bahnlinie 5 am Hauptbahnhof endet und nicht weiter bis Turmstraße oder Jungfernheide gebaut wird, wo andere U-Bahnlinien zum Umsteigen verkehren würden und wo viele potenzielle Fahrgäste wohnen.

Es die alte Berliner Leier: Erst wenn etwas möglichst wenig Sinn ergibt, dann besteht in Berlin eine reelle Chance auf Umsetzung. Ergibt etwas Sinn und würde es den Menschen das Leben etwas leichter machen, wird es bestimmt nicht realisiert.

Die sprichwörtliche Unfähigkeit Berlins in Sachen Stadtplanung ist so auch hier in der Greifswalder Straße wie immer Legion und eine Konstante, die noch meine Urenkel in den Wahnsinn treiben wird. Da halte ich jede Wette.


Und wieder ein alter Text aus der Qype-Gruft. Da die M4 immer noch so scheiße überfüllt ist wie 2011, als ich mich das erste mal darüber aufgeregt habe, ist er auch weiterhin brandaktuell und wird es wohl noch die nächsten 50 Jahre bleiben.


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